Mein Dienstag

Sprachliche Zwischenwelt

Ich begegne meiner kürzlich aus Tadschikistan zu Studienzwecken nach Wien übersiedelten Nachbarin im Stiegenhaus.

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(c) imago/Westend61

Sie beugt den Kopf konspirativ in meine Richtung und sagt: „Der, die, das . . . Katastrophe!“ Ich schlussfolgere, dass die deutsche Sprache an ihrem Nervenkostüm rüttelt. Sogleich verschwestere ich mich im Geiste mit ihr, denn ich kenne die Problematik aus erster Hand, ist diese Sprache doch gewissermaßen auf dem dritten Bildungsweg zu mir gelangt, also nach Türkisch und Vorarlbergerisch. Damit man das ganze Ausmaß versteht: Statt „ihre Cousine“ sagen wir im Ländle „era sine Cousinin“, also „ihre seine Cousine“. Wenn ich das richtig dechiffriere, dann wirkt „seine“ als Verstärkung von „ihre“, also könnte man theoretisch auch sagen „era era Cousinin“, auf Deutsch: „ihre ihre Cousine“. Was natürlich niemand macht, denn auch wir kennen Grenzen.

Jedenfalls bewohnen nicht nur Vorarlberger diese sprachliche Zwischenwelt, sondern oft auch Migranten, und im Mix entstehen die merkwürdigsten Sätze. Die Mama sagt immer: „Machsch das Tür zu!“ Oder man redet nach dem Gehör und ersetzt ein schwierig klingendes Wort durch einen bekannten Begriff. Zum Beispiel will die Mama die nackte Betonwand im Garten mit Eva Maria* bewachsen lassen.

Die Mama und ich, um hier das Thema zu wechseln, reden hobbymäßig gerne aneinander vorbei. „Weck mich morgen nicht früh auf“, sage ich der Mama, und sie nickt eifrig, aber am nächsten Morgen, 8.17, quietscht das Tür, die Mama schleicht herum, flüstert: „Schatzi . . . wenn du nachher wach bist . . . was willst du frühstücken?“, anschließend sucht sie im Schrank die roten Handtücher, findet sie nicht, dann redet sie in den Schrank hinein: „Wo sind die roten Handtücher?“, und eine Minute später sagt sie dem Schrank: „Ach, hier.“ Beim Hinausgehen bleibt noch Zeit, um drei, vier Bücher herumzuräumen, die ihr dann aus der Hand fallen. „Mama“, grantle ich später, „ich habe gesagt, weck mich nicht früh auf.“ „Das war nicht früh“, sagt die Mama. „Also: Was willst du essen?“

*Efeu

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2017)

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