Mein Freitag

Die Zeit im Westen vergeht nicht wie die Zeit im Osten

Wie sollen die wirklich großen Probleme gelöst werden, wenn immer noch darüber diskutiert wird, ob „Viertel-Neun“ eine korrekte Zeitangabe ist, die Mitmenschen zugemutet werden kann?

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(c) BilderBox

Die „Viertel nach Acht“-Fraktion scheint jedenfalls nicht zuletzt wegen der Verwestlichung Wiens rasant zu wachsen, auch weil sie mit ihrer Propaganda schon bei den Jüngsten ansetzt. Diese können zwar Codes knacken, alles downloaden und die schwierigsten Sudokus lösen, aber vor dieser rätselhaften Zeitangabe der Ostösterreicher sollen sie strikt bewahrt werden.

Dabei ist schon der Ausdruck „Viertelstunde“ ein Argument für „Viertel-Neun“, wenn man es sich genau überlegt. Womöglich ist die Zeiteinheit von fünfzehn Minuten aber ohnehin überbewertet. Sogar die akademische Viertelstunde gerät abseits des Uni-Alltags in Vergessenheit. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es gar kein Zuspätkommen mehr gibt, wird es doch schon durch die bloße Nachricht per Handy („Bin gleich da“) egalisiert. Für das Fernsehprogramm sind sie noch einigermaßen wichtig, die Viertelstunden, beginnt doch das Hauptabendprogramm in Österreich (im Gegensatz zu anderen Ländern) um 20.15 Uhr (also um Viertel-Neun). Dieses eherne Gesetz verliert allerdings an Bedeutung, da immer häufiger zeitversetzt geschaut wird.

Der Einfachheit halber könnte man also nur mit 30-Minuten-Einheiten arbeiten. Das hat der Nachbar übrigens so verinnerlicht, dass es bei ihm immer „hoiba“ (also „halb“) ist, etwa, wenn es um die Frage geht, wann er denn von einer lustigen Feier heimgegangen sei. Erstaunlicherweise macht sich dann jeder ohne weiteres Nachfragen seinen eigenen Reim darauf, ob es halb zwölf, halb eins oder gar halb drei gewesen sein könnte. Bei dieser Schlagfertigkeit kann es sich natürlich nur um einen Oberösterreicher handeln. Diese sind dann zwar um „hoiba“ da, hatten es aber zuvor dennoch immer „trawi“ (eilig). Es muss sich um ein ganz eigenes Zeitgefühl handeln.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2017)

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