Mein Dienstag

Die verlorene Kunst des Witzerzählens

Wann haben Sie zum letzten Mal einen guten Witz gehört? Oder gar selbst erzählt?

Die Kunst des Erzählens
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Die Kunst des Erzählens
Die Kunst des Erzählens – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Bei mir ist das schon einige Zeit her, und zwar geht der so: Ein Journalist des „New Yorker“ fragt Michail Gorbatschow, welchen Verlauf seinem Dafürhalten nach die Weltgeschichte genommen hätte, wäre nicht John F. Kennedy, sondern Nikita Chruschtschow einem Attentat zum Opfer gefallen. „Nun“, antwortete Gorbatschow nach kurzem Nachdenken, „abschließend kann man das schwer beurteilen, aber ich schließe definitiv aus, dass Onassis die Witwe Chruschtschowa geheiratet hätte.“

Der ist nicht schlecht, aber er hat den Makel, dass er einiges an historischem und politischem Wissen voraussetzt (verbunden mit einer zumindest flüchtigen Kenntnis der Begebenheiten bei den oberen Zehntausend). Wer wird ihn in 50 Jahren noch verstehen? Der zeitlose, aus dem komischen Potenzial des täglichen Lebens schöpfende Witz hingegen ist in einer schweren Krise; ich kann mich nicht erinnern, wann ich den letzten gehört habe. Woran mag das liegen? An einem Mangel an Ironie oder Empfänglichkeit für das Absurde des Alltags kann es nicht liegen: Man denke nur an all die Memes, Karikaturen und Fotomontagen, die uns in den sozialen Medien umspülen. Doch sie entlocken uns meist nur kurzes Auflachen, und dieses Amüsement ist ein einsames Vergnügen: jeder vor seinem Smartphone, vor seinem Bildschirm, still in sich hineinkichernd. Der klassische Witz erfordert hingegen ein Treffen ohne digitale oder sonstige Ablenkung, eine gewisse Entspanntheit, wie man sie sich bei einem Gespritzten, einem kleinen Bier oder über einer Tasse Kaffee gemeinsam mit einem Freund oder mehreren aus dem hektischen Treiben des Alltags wünscht. Solche Momente der Muße werden immer seltener, denn kaum haben wir ein bisschen Zeit totzuschlagen, tippen und wischen wir schon eifrig auf unseren digitalen Geräten herum. Wer alles auf Google findet, braucht nicht mehr bei Radio Eriwan anzurufen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2017)

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