Mein Dienstag

Brüsseler Stolpersteine

Vor einigen Wochen trieb mich eine lästige Angina an einem Brüsseler Sonntagmorgen zur Suche nach einer Apotheke mit Journaldienst.

Archivbild.
Archivbild.
Archivbild. – (c) imago/argum

An der Place Léon Vanderkindere im Bezirk Uccle angekommen, machte mich ein goldenes Glänzen vor einer Bankfiliale stutzig. Zwei Stolpersteine waren hier ins Pflaster eingelassen, jene Erinnerungsmarker, mit denen der Berliner Künstler Gunter Demnig seit dem Jahr 1992 die letzten Wohnorte von Juden kenntlich macht, die von den Nazis ermordet wurden.

Doch das genauere Hinsehen auf diese beiden Stolpersteine verdoppelte meine Erschütterung. Denn die beiden jungen Männer, die hier wohnten, waren mir bekannt. Es handelte sich um Youra und Alexandre Livchitz, zwei Brüder, die im Widerstand tätig waren und im Februar 1944 in einer Brüsseler Kaserne hingerichtet worden sind. Über Youra hatte ich vor Jahren schon im exzellenten Buch „Stille Rebellen“ der verstorbenen früheren „Spiegel“-Korrespondentin Marion Schreiber gelesen. Sie beschreibt darin, wie er mit den beiden Studenten Robert Maistriau und Jean Franklemon in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1943 den 20. Zug nach Auschwitz vom Sammellager in der Dossin-Kaserne von Mechelen stoppte, die Tür des ersten Viehwaggons aufbrach und so 130 Insassen die Flucht ermöglichte.

Einen dieser Überlebenden habe ich Ende 2012, während meiner ersten Entsendung nach Brüssel als Korrespondent, interviewt. Simon Gronowski war bei seiner Flucht elf Jahre alt, doch an diese Nacht erinnerte er sich noch sieben Jahrzehnte später in allen Details: „Ich hatte das Gefühl, dass einige Männer, ermutigt durch den Überfall, in meinem Waggon begonnen hatten, die Tür aufzubrechen. 50 Kilometer später, im Limburg, hinter Sint-Truiden, weckte mich meine Mutter. Ich spürte die frische Luft, hörte den Lärm der Räder. Die Tür stand offen. Meine Mutter stellte mich vorsichtig auf die Leiter. Dann wurde der Zug plötzlich langsamer, und ich sprang.“ Gronowski, habe ich neulich festgestellt, wohnt übrigens gleich ums Eck von meiner Wohnung. Ich denke, es wäre höchste Zeit für einen Besuch.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2017)

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