Kolumne zum Tag

Wen hat O. J. Simpson eigentlich umgebracht?

Der Ex-Footballspieler soll seine Exfrau und ihren Liebhaber getötet haben. Das ist definitiv falsch.

Angeklagter O J Simpson während eines Gerichtstermins in Las Vegas PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUN
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Angeklagter O J Simpson während eines Gerichtstermins in Las Vegas PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUN
O. J. Simpson – (c) imago/UPI Photo (imago stock&people)

Wie kann sich eine derart gravierende Falschmeldung nur so lang halten? Tatsächlich glauben die meisten Menschen, die mit dem Mordfall O. J. Simpson vertraut sind, der heute 70-Jährige habe 1994 seine Exfrau und ihren Liebhaber getötet. Wobei es jetzt nicht darum geht, ob er es getan hat oder nicht – er wurde ja trotz erdrückender Beweise freigesprochen. Sondern um diesen ominösen Liebhaber. Gerade vor ein paar Tagen, als der ehemalige Footballspieler wieder in allen Medien war, weil er vorzeitig aus der Haft (wegen bewaffneten Raubs) entlassen wurde, war es wieder hundertfach zu lesen und zu hören: „Der Mann, der seine Exfrau und ihren Liebhaber ermordet haben soll.“

Gestorben sind damals seine Exfrau Nicole Brown und der ihr bekannte Kellner Ronald Goldman, der zufällig am Tatort war. Nicht ihr Liebhaber. Goldman hatte sich bereiterklärt, ihr eine Brille zu bringen, die Browns Mutter in dem Restaurant vergessen hatte, in dem die beiden zuvor gegessen hatten. Er hat also den Mörder überrascht und wurde dabei ebenfalls erstochen. Wann aus ihm in den Medien Browns Liebhaber wurde, ist schwer nachvollziehbar. Irgendjemand dürfte das irgendwann in die Welt gesetzt haben. Das ist schäbig und armselig, soll aber vorkommen.

Absolut unverständlich ist aber die Tatsache, dass dieser Mythos bis heute von so vielen Medien unhinterfragt wiedergegeben wird. Dabei wäre es wahrlich nicht schwer, das zu überprüfen. Dieser Fall sagt erschreckend viel über die Arbeit mancher Medien. Ist beschämend und peinlich. Man fragt sich, wie viele (mehr oder weniger relevante) Unwahrheiten noch im Umlauf sind, die wir für bare Münze nehmen? Im Zweifel skeptisch zu sein und mehrere Quellen heranzuziehen, die keinerlei Verbindung zueinander haben, ist ein Credo, das wirklich nie an Gültigkeit verlieren wird.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2017)

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