Kolumne zum Tag

Im Wartesaal der verlorenen Dinge

Im Herbst verliert man die meisten Dinge. Nicht nur die Bräune und die sommerliche Langsamkeit, sondern auch Jacken, Brillen, Einkäufe, den Kopf.

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Themenbild: Herbst – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Eltern haben das zu einem gesagt, und irgendwann wird man es zu seinen Kindern sagen, du wirst noch einmal deinen Kopf verlieren, wenn du so weitertust. Der Herbst ist der wahre Jahresbeginn, nicht der Jänner, nicht der Frühling, in dem angeblich alles neu wird. Jetzt geht es los, mit allem, mit der Schule, mit dem Studium, in der Arbeit, neue Projekte, viele Pläne.

Nicht nur, weil man an vieles gleichzeitig denkt, während man anderes tut, ist die tatsächliche Verlustrate so hoch. Es liegt auch an den Temperaturen: Wer denkt schon nachmittags an die Jacke, die morgens noch notwendig war. Sie liegt irgendwo, aber sicher nicht dort, wo die Sonnenbrille geblieben ist, an die man im Schatten auch nie denkt. „Sie haben da was vergessen“, hat mir unlängst jemand in der U-Bahn nachgerufen und kurz vor dem Türenschließen ein Sackerl hinausgereicht. Wie kann einem das bloß passieren, aufstehen und die Hälfte liegen lassen?

Das sei gar nicht so ungewöhnlich, heißt es im Fundamt, als man dort zum xten Mal wegen eines verlorenen Gegenstands nachfragt. Unmengen werden täglich verloren, kaum etwas findet seinen Weg zurück. Jene, die nachfragen, werden oft enttäuscht, auf der anderen Seite liegen Dinge, die niemand vermisst oder auf deren Wiederkehr keiner hofft. „Lost and found“ ist eben nur der erste Teil der Geschichte, das Wiedersehen bleibt Verlierern leider oft verwehrt.

Dabei ist die Dankbarkeit groß, wenn etwas zurückkommt. Es geht ja selten um den materiellen Wert, sondern um die Umstände, die ein verlorener Gegenstand verursacht, und um Liebgewonnenes. Der Schmuck, der wenig wert ist, aber wertvoll, die Lederjacke mit dem zerrissenen Innenfutter, das sind Dinge, die man nicht nachkaufen kann. Vor allem, wenn man gerade die Bankomatkarte verloren hat.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2017)

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