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Was ein Briefkasten über unseren Wahlkampf weiß

„Vernunft zum Mitnehmen“: ein Zettel in Gumpendorf – und warum wir alle hoffen dürfen.

Aufgegeben? Briefkasten, Wien Mariahilf.
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Aufgegeben? Briefkasten, Wien Mariahilf.
Aufgegeben? Briefkasten, Wien Mariahilf. – Wolfgang Freitag

Einen Brief absenden heiße in Österreich „einen Brief aufgeben“, hielt einst Karl Kraus lakonisch fest. Und wieweit die eindeutige Zweideutigkeit des postalischen Austriazismus damals der postalischen Wirklichkeit auch entsprochen haben mag: Mittlerweile sind mehr als 100 Jahre vergangen, und wir dürfen festhalten, dass das Aufgeben eines Briefes heutzutage nicht mehr a priori seiner Aufgabe gleichkommt. Zumindest nicht in jedem Fall.

Anderes allerdings scheint die Post inzwischen ihrerseits aufgegeben zu haben. Etwa die Bemühung um ein halbwegs konsistentes Erscheinungsbild ihrer Briefkästen. Nicht dass die plötzlich nicht mehr gelb wären: Doch vielfach überklebt, übermalt, übersprayt, ist da und dort kaum mehr das Gelb unter all den Parolen, Zeitungsstickern, Werbeetiketten auszumachen; und wäre da nicht rechts und links der sattsam bekannte verdeckte Einwurfschlitz, man wüsste mitunter gar nicht recht, wozu der Kasten da denn nütze sei.

Der Briefkasten in der Gumpendorfer Straße 97 macht keine Ausnahme aus der bedauerlichen Regel. Und doch, hier fand sich kürzlich etwas affichiert, was trotz so vandalischer Ärgerlichkeit Beachtung verdient. Ein Zettel war's, die Unterkante mehrfach zu Streifen eingeschnitten, oben mit dem Hinweis „Zum Mitnehmen“ versehen – und auf jedem Unterkantenstreifen stand das edle Wort „Vernunft“ notiert. „Vernunft zum Mitnehmen“ also, wer hätte dafür keine Adressaten gewusst angesichts jüngster Wahlkampftage.

Was soll ich sagen? Vergangenen Freitag war erst ein „Vernunft“-Streifen entfernt – ein letztes Wahlkampfwochenende später der Zettel samt und sonders aufgebraucht. Und die Vernunft? Hat sie sich alsogleich gemehrt? Nun ja, viel ist nicht zu bemerken. Doch wir wollen weiter hoffen: Warum sollten wir aufgeben, was uns als Letztes immer bleibt. Auch nach dem 15. Oktober.

E-Mails an:wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2017)

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