Mein Dienstag

Ein Brief von Franz Joseph

Die Mama hat vor einigen Wochen ihr Festnetztelefon abgemeldet, es war noch eines dieser Standardmodelle von der Österreichischen Post.

Schließen
(c) Bilderbox

Das Kabel war ein einziger gordischer Knoten und die Tasten bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt. Ich mochte das Kabeltelefon sehr und habe ihm ein sehr langes Leben gewünscht, aber es hat die Mama in den Wahnsinn getrieben. Wenn es unten geläutet hat, war sie garantiert oben im zweiten Stock, hetzte dann die Treppe runter und erreichte das Telefon just zu dem Zeitpunkt, als es zu läuten aufhörte. Anschließend hat es der Anrufer freilich am Handy probiert, aber das lag ja aufgrund der ganzen Festnetzpanik oben. Also hat man sie auch da verpasst. Weil sie nun wissen musste, wer sie denn unbedingt sprechen wollte, hat die Mama recht frenetisch mit dem Smartphone hantiert, dabei gern mal alle Telefonnummern gelöscht oder wahllos und unbeabsichtigt entfernte Verwandte angerufen, mit denen sie dann irrwitzige Gespräche führte. „Onkel X hat angerufen“, erzählte sie mir dann empört, „der hat sich bei der Beerdigung von Tante Y so aufgeführt, und jetzt meldet er sich plötzlich bei mir, was fällt dem ein?“

Das Festnetztelefon hatte etwas Endgültiges. Verpasste man einen Telefonanruf, wusste man nicht, wer das war, wie wichtig es war, ob diese Person jemals wieder anrufen würde. Und trotzdem sind wir nicht daran zugrunde gegangen. Wir haben Postkarten und Briefe bekommen, keine knappen WhatsApp-Nachrichten vom Strand mit Das/dass-Fehlern. Ich sage: Lasset uns wieder Briefe schreiben, und zwar richtig altmodische! Einen meiner Lieblingsbriefe hat der 14-jährige Franz Joseph geschrieben, der aufgrund einer Scharlacherkrankung in Quarantäne musste. Der spätere Kaiser an seine Brüder: „Impertinente Kreaturen! Wie habt ihr euch unterstehen können, nicht Nachfrage zu führen, wie sich meine Hoheit befindet. Ich lasse mich herab, euch Impertinenten zu sagen, daß ich ganz bläulichrot bin, mich ganz gut befinde und Euch in Gnaden gewogen bleibe (. . .) Der mit eurer Impertinenz Unzufriedene – Erzherzog Franz Joseph.“

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Ein Brief von Franz Joseph

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.