Mein Freitag

Große Sachen, kleine Sachen

Winzig war gestern, heute ist riesig.

Frau mit Smartphones
Frau mit Smartphones
Frau mit Smartphones – REUTERS

Die Größe des Displays von Smartphones ist die neue Währung der Jugend. Also, je größer, desto besser. Mein Einwand, dass es sich anfühlt, als ob man den Kopf auf eine Ceranherdplatte legt, wenn man mit so einem großen Bildschirm telefoniert, sorgt für verständnislose Blicke. Wer hält denn noch sein Handy ans Ohr? Und überhaupt, wer telefoniert denn überhaupt noch? Man nimmt höchstens einmal Sprachnachrichten auf und verschickt sie.

Die Phase, als die Winzigkeit die Wertigkeit erhöht hat, ist lang vorbei. Wir wissen noch heute, wer in der Schulzeit den kleinsten Walkman mit dem größten Sound hatte. Und der Geniestreich, fette Doppel-CD-Hüllen zu verschmälern, wurde gefeiert wie später die Erfindung des Klapphandys. Derzeit jedenfalls sind Uhren groß, Logos riesig, Pullover überweit und Egos aufgebläht. Und wessen Selbstbewusstsein zu klein ist, der macht sich groß, indem er in der Einsamkeit der Nacht aggressiven Unsinn postet.

Die Größe der Zeit findet sich auch in der Sprache wieder. In Blogs etwa, auch von Kollegen, die sonst zum Beispiel im Radio zu tun haben, wird mit Heraushebungen um Aufmerksamkeit gebuhlt, mit kursiven Sätzen, gern auch in fett und im besten Fall auch noch unterstrichen. Traut man den eigenen Worten nicht zu, auch in bescheidenem Aufzug zu überzeugen?

Die Sprache hat früher nur in der Werbung so geschrien. Nun wird man die ganze Zeit von allen angebrüllt. Auch der amerikanische Präsident hat zugelegt. Es war trotzdem nicht nur Donald Trump, der für den gegenwärtigen Schwall von Großbuchstaben und Rufzeichen sorgte: Sie hatten uns schon vorher schleichend eingenommen, nur fiel es uns nicht auf.

Kein Rufzeichen machen, niemals, hat der beste Deutschlehrer von allen immer gesagt. Es gebe nur ein Wort, das ein Rufzeichen benötige: Hilfe!

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2017)

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