Mein Samstag

Zahnfee im Winterschlaf

Das Kind, so wurde mir neulich fernmündlich (ein schönes Wort, nicht?) angekündigt, habe eine Überraschung für mich. Oh, denke ich mir.

Kind mit Zahnlücke
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Kind mit Zahnlücke
Kind mit Zahnlücke – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Hat es gar freiwillig für die Ansage (so heißen Diktate heutzutage) geübt? Oder kommt es zu einer frühen Adventskalenderübergabe? Denn wenn mich einige Hinweise („Hast du Winterbilder, die ich zerschneiden darf, aber du darfst nicht wissen, wofür?“) nicht täuschen, bekomme ich heuer einen Adventskalender. Und zwar in einer Form, die vielleicht einzigartig ist: Denn das Kind sammelt ohne nähere Angabe von Gründen auch 24 Verschlüsse von Plastikflaschen. Denkbar also, dass es eine Art Winterbilder-Recycling–Adventkalender herstellt.

Die Überraschung war dann doch eine andere. Das Kind hatte nämlich, und die Freude darüber war so groß, als hätte es gerade einen Nintendo DS bekommen, einen Wackelzahn! Nach sechs wackelzahnlosen Monaten hat sich nun der dritte Zahn entschieden, demnächst aus dem Leben zu scheiden. Dazu muss man wissen, dass das Kind zweitezähnetechnisch sehr weit hinten ist. Hatten die meisten Freundinnen schon im Kindergarten Zahnlücken, fiel dem Kind sein erster Zahn erst als Fast-Siebenjährige aus. Jetzt ist der dritte Wackelzahn natürlich nicht mehr so eine große Sache wie der erste. Glauben Sie. Tatsächlich habe ich in den Mündern diverser Kinder schon dritte, vierte und auch achte Wackelzähne in unterschiedlichsten Stadien begutachten dürfen. Darunter auch solche, die nur mehr an einem kleinen Stück Zahnfleisch hängen und abartig wild hin und her bewegt werden können, gern kombiniert mit dem großzügigen Angebot: „Magst du ihn mal angreifen?“

Blöd aber, sage ich zum Kind, dass die Zahnfee jetzt halt schon im Winterschlaf ist. Das ist nicht witzig, sagt das Kind beleidigt, während es nachdenkt, ob sich die Zahnfee vielleicht wirklich irgendwo zum Schlafen in die Erde eingegraben hat. Aber nicht mit uns, beschließen wir. Da wird sie fix noch einmal aufstehen müssen und braucht auch gar nicht auf die Idee kommen, dem Nikolaus das Zahnfee-Geschenk einfach mitzugeben. Sicher nicht, Zahnfee!

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2017)

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