Mein Freitag

Durch die Dunkelheit nach Hause

Viele sagen, „Last Christmas“ treibt sie in den Wahnsinn, dabei ist doch „Driving Home for Christmas“ die wahre Pest. (Übrigens kamen beide Songs im legendären Jahr 1986 heraus.)

Egal, ob es aus dem Radio oder aus Autos und Geschäften sickert, man kann ihm nicht entgehen, es wartet nur darauf, sich in einem festzukrallen. Kaum zu glauben, dass es sich um eines der beliebtesten Lieder der Weihnachtszeit handelt.

Vielleicht liegt es am Text, der dieses beschauliche Bild in einem aufsteigen lassen soll: Ein Mann, einsam am Steuer, aber gesellig in Gedanken, fährt durch die Dunkelheit nach Hause. Auf dem Weg zu seinen Liebsten, helle Lichter in der Nacht, Kerzenschein und Kekseduft. Dabei lässt er seine Gedanken schweifen. Das ist ja auch eine hübsche Vorstellung.

Leider lässt der Weg nach Hause vor Weihnachten (abgesehen vom späten Nachmittag des 24. Dezember) in Wirklichkeit wenig Raum für selbstvergessenes Innehalten. Gehalten wird nur, weil sich alles staut. Selbst besonnene Menschen haben sich in Kampfmaschinen mit dem Motto „We brake for nobody“ (© „Spaceballs“, 1987) verwandelt.

Man ist jedes Jahr aufs Neue überrascht, dass es ein wenig eng wird in den letzten Tagen. Jede Zeit, etwas schnell zu erledigen, ist falsch. Wer auf das Auto verzichtet, wird im Bus erdrückt, und von Nächstenliebe ist erst wieder in der Christmette die Rede.

Während man vor einer Kreuzung wartet, auf der Autos in alle Richtungen gleichzeitig ineinander verkeilt stehen (einer hupt, einer stellt sich tot, einer telefoniert), sieht man zwei Leute auf dem Gehsteig, die einen Christbaum tragen, mit diesem Gesichtsausdruck, den man nur hat, wenn man einen Christbaum nach Hause trägt, egal, ob es sich um Vater und Sohn, um ein Paar oder um eine Oma und ihr Enkerl handelt, die einen winzigen Baum tragen. Dahinter schleift ein Einzelner einen Baum hinter sich her.

Schöne Szenen, walking home for Christmas.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2017)

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