Mein Dienstag

Zwischentage

Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester kommen mir vor wie ein luftleerer Raum ohne Anfang und Ende, eine Art alberteinsteinmäßiges Schwarzes Loch.

Dichter Nebel über dem Bodensee.
Dichter Nebel über dem Bodensee.
Dichter Nebel über dem Bodensee. – APA/dpa/Felix Kästle

Es sind Tage, an denen man verwirrt aufwacht, sich unweigerlich fragt, bin ich jetzt zu Hause in Vorarlberg oder zu Hause in Wien, oder bin ich gar in ein fremdes Land gefahren? Es sind Tage, an denen man nicht weiß, ob man schon wieder arbeiten muss oder noch immer oder schon nicht mehr. Seltsame Tage, ich mag sie. Und am liebsten mag ich diese Zeit daheim in Vorarlberg, wo die Mama großflächig zur allgemeinen Verwirrung beiträgt, indem sie sich um sechs Uhr früh ins Zimmer schleicht, um nach etwas zu suchen, und du sofort aus dem Bett springst, weil du glaubst, es ist Montag und du bist viel zu spät dran für . . . die Schule. Wie früher.

Wenn man nach Hause kommt, zu Weihnachten, und der milchige Nebel liegt über dem Bodensee, dann freut man sich, und zwar so ehrlich, wie es im Erwachsenenleben nur mehr sporadisch vorkommt. Dabei war es gerade dieser Nebel, der einem als Jugendlicher entsetzlich auf die Nerven gegangen ist, weil es die Sicht auf das Weite, auf die Welt da draußen versperrt hat. Schließlich ist man irgendwann weggezogen, hat die Weite der Erde gesehen, und gleichzeitig begriffen, dass nicht das Große wichtig ist, sondern die kleinen Bruchstücke wie der Blick auf die ruhige See von dort aus, wo man Fahrradfahren gelernt hat. „Hast du einen Neujahrsvorsatz?“, fragt mich ein Bekannter. „Ich will öfter heimfahren“, sage ich kitscherfüllt.

Eine andere Art von Nebel quält uns verlässlich jedes Jahr in der Silvesternacht, es ist der Qualm der Kracher, die wir in die Nacht reinballern. Auf einer Parkbank sehe ich drei Jugendliche, die monoton und lustlos ihre Böller anzünden und in zwei Meter Entfernung auf eine andere Parkbank schmeißen. „Die Kids wirken, als seien sie zum Böllern strafversetzt worden“, sage ich einer Freundin, „als wären sie lieber mit Instagram beschäftigt.“ Zwei Stunden später dann der gesamtheitliche Kracherqualm. Nein, das Luftverpesten scheint allen noch Spaß zu machen.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2018)

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