Mein Freitag

Die Eltern zum Urologen begleiten – reicht das nicht?

Schon erstaunlich, wie sehr das Beherrschen einer Sprache das Selbstbewusstsein beeinflusst.

Jeder kennt das: Man ist auf Urlaub oder Geschäftsreise in einem Land, dessen Sprache man zwar nicht perfekt, aber doch einigermaßen fließend spricht. Verständigung ist nicht das Problem, nur läuft der Schmäh nicht so, wie er sonst laufen würde. Man braucht zu lange, um auf den Punkt zu kommen. Und benutzt dabei nicht immer die passenden Wörter. Das führt oft dazu, dass die Leute wissen, was man sagen will, noch bevor man zu Ende gesprochen hat. Was meistens unangenehm ist, einen manchmal sogar in Verlegenheit bringt – je nach Feingefühl des Gegenübers. Da zieht man sich schon einmal zurück und beteiligt sich nicht mehr an jedem Gespräch. Ein bisschen wie ein Außenseiter. Was nicht so schlimm ist. Der Urlaub geht schließlich irgendwann zu Ende, und man kehrt zurück nach Hause – in die eigene Sprache, in der man sich wohlfühlt und sich gewählt, eloquent und sicher ausdrücken kann. Und schon läuft der Schmäh wieder. Das hat schon was.
Ob das Eltern von Kindern mit nicht deutscher Muttersprache bewusst ist, wenn sie sie nicht nur nicht fördern, sondern manchmal auch ihre Zukunft sabotieren, indem sie Schulschwänzen, Faulheit und schwache Leistungen einfach so tolerieren – aus Gleichgültigkeit oder Gemütlichkeit? Und sie womöglich zu Außenseitern machen, die nur gebrochen und mit Akzent Deutsch sprechen, obwohl sie in Österreich geboren wurden? Zu Außenseitern, die ihr Glück – zunächst in der Schule, später auf der Arbeit – bei Leuten suchen, die ihre (Mutter-)Sprache sprechen. Möglicherweise ebenfalls Außenseiter. Obwohl manche von ihnen eigentlich Sprachtalente wären. Wie viele von ihnen hatten nie eine Chance? Wie viel Potenzial wurde vergeudet? Durch die eigenen Eltern, die es besser wissen müssten, mussten sie sich doch von ihren Kindern zum Urologen und Gynäkologen begleiten lassen, weil sie sich selbst nicht artikulieren konnten. Sind diese Tage vergessen?

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com

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