Mein Dienstag

Zustände wie bei Dickens

Dickens' Weltbild ist viel zuversichtlicher, als es Sprachmechaniker zu glauben scheinen.

(c) EPA

Wer das miserable Zusammenspiel von Armut, Verelendung, versagenden staatlichen Institutionen, korrupten Amtsträgern und ausbeuterischen Dienstherren kritisieren möchte, veranschaulicht dies gern mit dem Hinweis, es herrschten „Zustände wie bei Dickens.“ Dann, so fügt es sich, erscheint vor dem inneren Auge des Publikums ein Elendstableau viktorianischer Großstadtverlumpung, auf dem ausgemergelte Straßenkinder, gefallene Mädchen und schwindsüchtige Taglöhner ihrem viel zu frühen, wenn auch erlösenden Ende entgegenkümmern, während dann und wann ein fettwanstiger Geldsack – Zylinder auf dem Kopf, Golduhr an der Kette – gierig glupschend durch die Manege latscht. Furchtbar ist's, wie Charles Dickens sein London und dessen bäuerliches Umland beschrieb, aber eben auch so virtuos, dass man mehr als eineinhalb Jahrhunderte später schauernd daran zurückdenkt, wie schlimm es damals doch gewesen sein muss. Und wenn es heute irgendwo schlimm ist, oder schlimm werden könnte, dann zieht man eben den alten Charles aus dem Hut. Auf diese rhetorische Krücke lässt sich jede noch so exaltierte Systemkritik stützen.

Doch ist das wirklich so? Ich habe über die Tage endlich Zeit gefunden, „Oliver Twist“ zu lesen, und wie bei „Great Expectations“ fiel mir auf, dass Dickens' Weltbild viel zuversichtlicher ist, als es jene Sprachmechaniker zu glauben scheinen, denen ich nicht unterstellen möchte, ihn gar nicht gelesen zu haben. Zahlreich sind die hilfreichen Hände, groß ist das, was man heute Zivilcourage nennt, und mutig werfen sich selbst ärmste Kreaturen wie das Straßenmädchen Nancy dem Bösen und seinen Agenten in die Bahn. Wir sollten wieder vermehrt zu Dickens' Büchern greifen, nicht nur, weil sie Meisterstücke sind: Bei „Oliver Twist“ etwa weiß man, wie es ausgeht, und trotzdem nagt man sich bis zur letzten Seite die Finger blutig, weil Dickens die Handlung um so viele aufregende Wendungen flicht. Als Appell an das Gute im Menschen, daran, dass es immer Hoffnung gibt: So ließen sich aus dieser Weltliteratur neuer Trost und Antrieb zum Engagement gewinnen.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2018)

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