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Was heißt da „immer schon so“? Kaum mehr als 50 Jahre!

Warum das vermeintliche Otto-Wagner-Grün nie Otto Wagner war. Und wieso kein Beige draus wird.

Erst kürzlich erneuert: Otto-Wagner-Geländer am Donaukanal.
Erst kürzlich erneuert: Otto-Wagner-Geländer am Donaukanal.
Erst kürzlich erneuert: Otto-Wagner-Geländer am Donaukanal. – (c) Wolfgang Freitag

„Immer schon so“ ist ja bekanntlich nie etwas gewesen. Auch wenn wir uns noch so sehr nach eherner Beständigkeit sehnen: Das Einzige, was hienieden Bestand hat, ist die Veränderung, und selbst die ewigsten Haltbarkeiten erweisen sich früher oder später als temporär. Von der ewigen Jugend bis zum ewigen Eis. Gar nicht zu reden von der ewigen Liebe.

Dass nichts bleibt, wie es ist, und nichts so ist, wie es seit je gewesen, vergangene Woche an dieser Stelle am Beispiel eines mittlerweile entschwundenen Kunstwerks vor der Präsidentschaftskanzlei exemplifiziert, lässt sich dieser Tage, noch sehr viel augenfälliger, an einem Gegenstand erfahren, den sogar der tiefste Skeptiker in Sachen „immer schon so“ für historisch ziemlich belastbar gehalten hätte: das Grün des Otto Wagner.

Von der Stadtbahn bis zu den Donaukanalgeländern: Ganz Wien ist Otto-Wagner-grün, im Anstrich von Metallteilen aller Art. Materialprüfungen des Bundesdenkmalamts haben freilich jüngst ergeben, dass die Metalloberflächen in keiner einzigen der bisher untersuchten Stationen grün, „sondern durchgehend hellbeige gefasst waren“. Mehr noch: „Auch die heute grün gehaltenen Holzoberflächen zeigen eine braune Maserierung in der Erstfassung.“ Das Grün, das uns heute so typisch Otto Wagner scheint, sei „ erst eine ,Schöpfung‘ aus der Nachkriegszeit ohne jeden historischen Bezug“. So viel zur Werktreue unserer Väter.

Müssen wir uns also demnächst an ein Otto-Wagner-Beige gewöhnen? Nicht doch. War das Grün auch falsch, nach gut 50 Jahren – sagen die Denkmalschützer – hat es selber Tradition. Nicht zu vergessen: Wer würde eine Umfärbung des Wagnerschen Bestands wienweit bezahlen wollen? Am Ende ist schließlich alles eine Frage des Monetären. Und wenigstens das, da dürfen wir sicher sein, war immer schon so.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2018)

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