Mein Samstag

Der Monat der Mumien

Das Kind hat vom Christkind ein Lexikon bekommen, und auch wenn es damit aufwächst, dass man alles in Sekundenschnelle auf dem Handy nachschauen kann („Frag doch den Löwen“, sagt das Kind, wenn wir ein Wort übersetzen wollen, und meint damit die Leo-Dictionary-App), findet es dieses analoge Nachschlagewerk wunderbar.

Vor allem jene Einträge, von denen es sowieso schon eine Ahnung hat. Bei mir war das nicht anders. Mein Kinderlexikon hieß Werwiewas, und vorn waren ein Raumfahrer, ein Affe und die Mona Lisa drauf. Was es drinnen alles zu bieten hatte, weiß ich nicht mehr, möglicherweise Einträge zu Raumfahrt, Primaten und wichtigen Gemälden. Ich aber habe mit Vorliebe immer nur zwei Seiten angeschaut: die mit der Ritterburg und die mit dem Vulkan. Auch das Kind überblättert im Lexikon die Seiten mit Infos zu Immunsystem, Schall oder Wald, um sich die immer gleichen Einträge anzusehen: Ägypten, Mumie, Weltwunder. (Dinosaurier nicht mehr, die sind mit Schuleintritt irgendwie unbeliebt geworden.)

Auf dem Weg zur Mumie ist das Kind beim Eintrag „Monat“ hängen geblieben, bei dem erklärt wird, wie man sich mittels seiner Hände merken kann, welche Monate wie viele Tage haben. Sie wissen schon: Ballt man die Hände zur Faust, zeigen einem die Knöchel die Monate mit 31 Tagen und die Vertiefungen die übrigen Monate an. Das Kind stört dabei wahnsinnig, dass die Hände mehr Knöchel und Vertiefungen haben, als es Monate gibt. Dieser untragbare Zustand wurde durch die Erfindung zweier neuer Monate geändert: Auf den Dezember folgt nun der Dranzen, jener Monat, in dem früher die Mumien „eingegipst“ (sic!) wurden. (Sie sehen schon: Mumien sind gerade hoch im Kurs.) Auf den Dranzen folgt der Monat Palsen, in dem getestet wird, ob „die Geldscheine gefälscht sind, und falls neues Geld erfunden wird, wird es im Palsen an die Menschen verteilt“. „Was magst du lieber?“, fragt das Kind. Den Dranzen oder den Palsen? „Hm“, sage ich. 30 Tage mit Leichen, die eingegipst werden, oder 31 Tage, an denen Geld verteilt wird? Wirklich eine schwere Entscheidung.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2018)

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