Mein Dienstag

Alte Lieder

„Mein Freund, der Esel“, heißt es in einem der Lieder des beliebten türkischen Sängers Barış Manço, mit denen ich aufgewachsen bin.

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Es ist ein sehr liebes Stück, da geht es um einen, der seine Kindertage im Dorf vermisst, die er raufend und spielend zwischen Hühnern, Katzen und Kälbern verbracht hat. Ein anderes schönes Lied von Zülfü Livaneli handelt vom steinigen Weg eines Reiters nach Córdoba, es ist die Vertonung eines Gedichts des spanischen Lyrikers Federico García Lorca. Ich muss bei türkischen Liedern lang nachdenken, um Texte zu finden, die nicht von Leid, Verwüstung, Sehnsucht und vor allem Liebe samt Herzschmerz handeln. Finde ich welche, sind es entweder Kinderlieder oder ausländische Leihgaben. Wollte man uns über Liedtexte definieren, wir wären ein paarloses Volk in einem sonnenuntergangslosen Land, wir wären allesamt unglücklich verliebt ohne Aussicht auf ein Happy End, und wenn doch, dann kommt rechtzeitig zum Refrain wahlweise ein Vater oder Bruder um die Ecke und bereitet der Romanze ein schnelles Ende. Die Pop-Lieder aus den 90ern waren da schon ein bisschen lustiger, frecher und in Liebesdingen offener, aber auch hier endet fast jede Liaison mit Tränen im Regen. Popsänger Tarkan hat diese emotionale Schieflage oft besungen. In „Şımarık“ zum Beispiel trällert er über eine Frau, in die er logischerweise unglücklich verliebt ist, die sich aber nicht zu benehmen weiß, weil sie Kaugummi kaut, grinst und insgesamt seine Männlichkeit verletzt. Hilfe!

Es gibt freilich auch wunderschöne Herzschmerzlieder auf Türkisch. Nun, jedem Land seine Liedtradition. In Irland war ich einmal in einem Pub mit Live-Musik.Eein lustiger, ältlicher Mann mit Gitarre wartete stundenlang mit Oldies und Liedern, in denen das Wort Whisky überproportional oft vorkam, auf. Am Ende des Abends kündigte er „das klassische Rausschmiss-Lied“ an, und als er begann, standen alle, die noch konnten, auf, der Typ, der an der Bar schlief, hob seinen schweren Kopf, einige sangen mit, und anschließend stolperten alle aus der Bar. „Was war das?“, fragte ich meinen irischen Bekannten. „Unsere Nationalhymne“, sagte er.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2018)

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