Mein Freitag

Nun soll also alles weniger werden

Wer sich verkleidet, verbirgt weniger, als er denkt. Insofern ist es schon wieder schade, dass der Fasching zu Ende ist und der Wettbewerb der Reduktion beginnt: Wer verzichtet am meisten?

In den letzten opulenten Faschingstagen stach unter anderem ein Radiobeitrag heraus, in dem sich Hörer an Verkleidungstraumata erinnerten. Interessant war, wie viele Männer sich noch immer peinlich berührt daran erinnerten, wie ihre Mütter sie gezwungen hatten, sich als Mädchen zu verkleiden. Eltern und ihre Kostümideen im Lauf der Jahrzehnte, das wäre einmal eine Untersuchung wert.

Peinliche Momente sind für Kinder genauso schlimm wie für Erwachsene, wenn nicht sogar schlimmer. Eine, die am Faschingsdienstag zu den entgeisterten Freunden ihres elfjährigen Sohnes sagte, sie gehe heute als „müde Mutter“, kann das nur bestätigen. Lustig ist alles, aber nicht das, worüber die Älteren lachen.

In den Faschingstagen kann man sich so schwer verstecken. Wer sich nicht verkleiden will, aus Sorge, keine gute Idee zu haben, aus Scheu aufzufallen oder aus schlichter Abneigung gegen verordneten Spaß, ist ein Spielverderber. Die Originellen, die sich aus nichts eine witzige Identität basteln können, sind großzügig, weil sie von dem vielen Applaus gern etwas abgeben. Dazwischen sind jene, die die Reihen bunt machen, darüber hinaus aber auch nicht mehr. Wieder ein Jahr warten, und das nächste Mal fällt einem vielleicht etwas Geniales ein. Fasching kann man entweder oder übt sein Leben lang. Anstrengung ist schwer zu überschminken.

Nun aber soll alles weniger werden, sei es aus religiösen Gründen oder aus profanen. Verzichten, auf Laster, Kalorien, Plastik und Plunder. Nur nicht darauf, viel darüber zu reden. Das Suppengrün verkauft sich gut, die vielen guten Tipps auch. Ob auch jeder seine eigene Suppe auslöffelt, das sieht man leider nicht, und schon gar nicht an der Kleidergröße.

E-Mails an: friederike-leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2018)

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