Mein Freitag

Du schaust mich nicht an, ich schau dich nicht an

So oft wie in den vergangenen Wochen wurde noch nie um mein Einverständnis gebeten.

Die Europäische Datenschutz-Grundverordnung verpflichtet Firmen, die Erlaubnis für das Versenden von Mails einzuholen. In Hunderten Nachrichten heißt es derzeit daher sinngemäß: Darf ich?

Normalerweise ist diese Frage ja rein rhetorisch. „Darf ich?“, sagt der Kollege, während seine Hand schon in der Keksschachtel ist. „Darf ich?“, fragt das Kind, nachdem es den Fernsehapparat eingeschaltet hat. „Darf ich?“, fragt die Passantin, während sie sich unsanft vorbeiquetscht. „Vorbei“, wollte sie wohl noch sagen. Am schlimmsten ist aber die Frage: „Darf ich dir etwas sagen?“ Wer kann da Nein sagen, auch mit dem Wissen, das Folgende sicher nicht hören zu wollen?

Dass nun also jemand um Erlaubnis fragt und die Antwort auch ernst nimmt (nehmen muss), stimmt einen milde. Es wäre fast ein wenig rüde, auf die Frage, ob man weiterhin Informationen über das schöne Salzburger Land haben will, zu antworten: „Nein.“ In dem Nein steckt doch: Lassen Sie mich in Ruhe mit dem ganzen Krempel. Wie verletzend. Die Mailbox wird also auch in Zukunft recht voll bleiben.

Nicht unfreundlich sein zu wollen geht grundsätzlich auf den eigenen Wunsch zurück, freundlich behandelt zu werden. Manchmal funktioniert das sogar. Genauso wie das Einhalten von Distanz in Situationen gewisser Wehrlosigkeit. In Sportgarderoben etwa, wo man die andere nicht mustert, während sie zur Dusche eilt und genauso ignoriert werden will. Du schaust mich nicht an, ich schau dich nicht an. (In Männergarderoben könnte das anders sein.)

So zu tun, als ob der andere gar nicht da ist, um sich nicht zu nahezukommen, lernt man am besten in Großbritannien. Dort ist ein Raum brechend voll, aber keiner ist drin. Berühmte Menschen aber, die werden bei lebendigem Leib verspeist. Und alle schauen zu.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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