Keine Sorge, er ist nur ein bissl stürmisch

Vom Fluchen als Kulturschatz zu den Floskeln, die uns nicht beruhigen.

Es hat sich auch ausgezahlt, gemeinsam mit aufgeregten Leuten Fußball zu schauen.
Es hat sich auch ausgezahlt, gemeinsam mit aufgeregten Leuten Fußball zu schauen.
Es hat sich auch ausgezahlt, gemeinsam mit aufgeregten Leuten Fußball zu schauen. – (c) Clemens Fabry

Die dreijährige Nichte aus der Schweiz hat ihr Vokabular in wenigen Tagen Österreich-Urlaub mit wichtigen Worten angereichert. Sie sagt nun astrein „Oida“. Den schönen Satz: „I glaub, i woar no nie so miad wie heit“ kann sie ebenso akzentfrei wiederholen. Es hat sich auch ausgezahlt, gemeinsam mit aufgeregten Leuten Fußball zu schauen. Fluchen ist eine Art Kulturschatz. Zumindest hat man sich das als Rechtfertigung überlegt, sollten ihre neuen Lieblingsworte daheim in der Zürcher Zivilisation nicht so gut ankommen.

Was wo und in welchem Zusammenhang gesagt werden kann, gehört zu den am schwierigsten zu erlernenden Feinheiten beim Spracherwerb. Auch dass es einen Unterschied macht, in welchem Alter man sich welcher Sprache bedient. Es ist witzig, wie Menschen, die bei einem Austauschjahr eine fremde Sprache gelernt haben, Jahrzehnte später für Lachstürme sorgen, wenn sie Ausdrücke benützen, die siebzehnjährige Spanier 1992 für cool befanden. Nichts wird so schnell alt wie die Jugendsprache.

Was hingegen nie ausstirbt, sind Sätze, die für Beschwichtigung sorgen sollen, aber selten die gewünschte Wirkung zeigen. Ein Läufer, dem ein Hundehalter ein freundliches „Der tut eh nichts!“ entgegenruft, weiß, was gleich als Nächstes kommt: „Er ist nur ein bissl stürmisch.“

„Das macht er/sie sonst nie“, ist in vielen Situationen anwendbar, egal, ob es sich um ungezogene Haustiere, Verwandte bei einer Familienfeier oder Kleinkinder in der Sandkiste handelt. Für verfrühte Freude sorgt hingegen oft ein beruhigendes: „Das geht sich aus“, vor allem, wenn es ein Handwerker sagt.

Wie sich die Dinge dann aber immer irgendwie ausgehen, ist übrigens ein österreichisches Phänomen, das man allerdings nie ganz durchschaut.

E-Mails an:friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2018)

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