. . . sonst gibt's Saures

Man kann von Halloween natürlich halten, was man will.

So kann man den Abend zum Beispiel als Gelegenheit sehen, seine Nachbarn, die man in der Anonymität der Großstadt kaum kennt, ein bisschen kennenzulernen. (Auch wenn man vielleicht durch Hexenmasken entstellt ist und sich zwei Tage später im Lift dann eh nicht mehr fehlerfrei erkennt.) Oder, um es ehrlicher zu formulieren: Die „Trick or treat“-Sache ist eine seltene Chance, einen neugierigen Blick in Nachbarwohnungen zu werfen. Auf unserer Tour mit einer kleinen Horde kostümierter Kinder hat sich wie im Vorjahr gezeigt, dass die Nachbarschaft so insgesamt nicht unbedingt öffnet, nur weil es läutet, auch wenn man das Licht durch die Fenster sieht, den Fernseher durch die Tür hört und kleine Vampire und Gespenster an die Tür hämmern: „Süßes, sonst gibt's Sauuures!“

Manche machen netterweise auf, haben aber nichts Süßes daheim, weshalb sie Notgeschenke verteilen, wie heuer ein paar Dosen Eistee. Im Vorjahr war die Ausbeute skurriler: eine angebissene Zotter-Schokolade und – das Kind redet immer noch davon – eine Packung abgelaufener Fertignudeln. Vergleichbares war heuer leider nicht dabei. (Die Fertignudel-Nachbarin ist mittlerweile ausgezogen.) Dafür erwähnenswert: ein paar frei fliegende Wellensittiche, die während der Süßigkeitenübergabe beinahe entflogen wären, und ein Nachbar, der eine Millisekunde nach dem Läuten seine Tür einen erstaunlich kleinen Spalt geöffnet hat, durch den nur seine mit Gummizeug gefüllte Hand erschien. (Gesagt hat er auch nichts.) Fazit also: ein paar exotische Vögel gesehen, eine unheimliche Nachbarshand kennengelernt, null Mal hereingebeten worden.

Bestes Giveaway war die saure Zitrone von einer Nachbarin, die das „Süßes oder Saures“ sehr wörtlich nahm. Tatsächlich ist mit „Saures“ ja der Streich gemeint, den man all jenen spielt, die keine Süßigkeiten herausrücken, aber wer wird schon so genau sein. Von Streichen wie dem Werfen roher Eier haben wir natürlich abgesehen. Wir wollen es uns mit den Nachbarn nicht verscherzen. Jetzt, da wir einander so gut kennen.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2018)

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