Das Jausenbrot, das keiner ausgepackt hat

Von der Zuneigung zu dem, was übrig bleibt.

Wer müde ist, weil er bis in die Früh feiern war oder einen großartigen Nachtfilm gesehen hat oder nicht zu lesen aufhören konnte oder irgendetwas in der Art, der muss es mit Würde tragen. Sagt das Müdigkeitskomitee. Hier ist kein Jammern erlaubt. Müde zu sein ohne guten Grund hingegen, also ohne ein bisschen vorangegangene Disziplinlosigkeit, fällt in die Kategorie bedauernswert.

Ähnlich ungerecht ist es, zuzunehmen, ohne zuvor zügellos gegessen zu haben, im Sinne von Gans mit Knödel, Pizza und Toffifee. Meistens liegt es bloß an dem einen Jausenbrot zu viel, trauriges Überbleibsel frühmorgendlicher Zuversicht, mit dem besten belegten Brot die Welt besiegen zu können. Die Welt gewinnt immer. Vielleicht würde es helfen, wenn das Jausenbrot auch ausgewickelt würde. Abends ist es zerquetscht, aber im Wesen unversehrt. Irgendwer isst es dann, aus Mitleid.

Die Dinge, die übrig bleiben, rühren einen besonders. Das letzte Kipferl in der Vitrine des Bäckers. Das Stück Kuchen, das keiner mehr nehmen will. Vielleicht lebt im Unterbewusstsein die Erinnerung an die Schulzeit auf, als im Turnunterricht Mannschaften gewählt wurden. Die Blicke jener, die als Letzte da standen und die Blicke der Wählenden, die schulterzuckend jene in ihrer Mannschaft dulden mussten, die keiner wirklich wollte, die vergisst man nicht. Egal, auf welcher Seite man stand.

Auch heute noch vertrauen Sportlehrer auf das Prozedere. Früh übt sich, wer ein Meister im Überspielen kleiner Kränkungen werden will. Natürlich kann man Heranwachsende nicht vor allen unangenehmen Situationen bewahren. Vieles nimmt auch spätere Erlebnisse in der Arbeitswelt vorweg, für die man dann vielleicht besser gewappnet ist. Das Gefühl des Übrigbleibens aber bleibt immer gleich schrecklich.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2018)

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