Nachbarschaften

Irgendwann gibt man es auf, der Familie zu sagen, dass sie einen zwischen 16 und 17.30 nicht anrufen soll, weil ungünstige Zeit von der Arbeit her.

Gespräche über den Gartenzaun.
Gespräche über den Gartenzaun.
Gespräche über den Gartenzaun. – (c) BilderBox

Irgendwann gibt man es auf, der Familie zu sagen, dass sie einen zwischen 16 und 17.30 nicht anrufen soll, weil ungünstige Zeit von der Arbeit her. Natürlich, natürlich, sagt die Familie dann, aber am nächsten Tag, zur großen Freude des Nervenkostüms, klingelt um Viertel nach fünf das Handy. Nicht abheben kommt nicht infrage, denn freundlicherweise hat die Mama ihre beharrliche Panik, dass hinter jedem Familienanruf eine schreckliche Unfallnachricht stecken könnte, an mich weitervererbt. Die Mama ist also am Telefon und teilt mir weltbewegt mit: „Ich habe eine Einladung bekommen, die Nachbarin heiratet.“ „Welche?“ „Die aus Ankara stammt.“ „Welche aus Ankara?“ Es handle sich um die Tochter von X und somit die Schwester von Y, mit dessen verschwägerten Neffen ich einmal drei Liter Coca-Cola auf unseren Wohnzimmerteppich geleert hätte, um empirisch nachzuprüfen, ob sich der Teppich zersetzt. „Was ist jetzt mit der Hochzeit, Mama?“ „In Wahrheit will ich da nicht hin.“ „Dann geh nicht.“ „Ich muss.“ „Warum?“ Es sei so: Nachbarin X hat einmal jemanden mitten in der Nacht nach einem akuten Blinddarmdurchbruch in das Bregenzer Spital gefahren. Dann ist etwas passiert, dann ist nochmal was passiert, dann hat jemand jemandem geholfen, einen Eintopf für den Besuch aus der Türkei zu kochen. Wieder ein paar Dinge sind passiert, jemand ging in Pension, jemand gießt regelmäßig die Pflanzen von jemandem, und daher muss man auf die Hochzeit.

Fragt mich nicht nach Details, diese Nachbarschaft hat ihre eigene Logik. In meinem Wiener Leben vermisse ich oft diese heimelige Vorarlberger Umgebung. Die Gespräche über den Gartenzaun, das Hinüberwinken zur Freundin, die gerade ihren Hund Gassi führt, die selbst gemachten Rumkugeln von Frau Erna. Meine Wiener Nachbarin hingegen ruft mir Unflätigkeiten nach, wenn ich das Haus durch die Garagentür betrete. „Das wird sicher eine lustige Hochzeit“, sage ich der Mama, „ich wäre am liebsten auch dabei.“

Im Übrigen: Drei Liter Coca-Cola zersetzen einen handgewebten orientalischen Teppich nicht.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2018)

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