Gestrandet: Wie ich dem Wellenblues entkam

Wer nach dem Surfen in Wien landet, der ist auf Entzug. Eine Suche nach Wellen in der Hauptstadt.

Die Autorin wieder einmal neben dem Board anstatt auf ihm.
Die Autorin wieder einmal neben dem Board anstatt auf ihm.
Die Autorin wieder einmal neben dem Board anstatt auf ihm. – Almira Avdyli 2018

Es war die Welle meines Lebens. Fast 50 (!) Sekunden trug sie mich vom offenen Meer in Richtung Strand. 50 Sekunden – normal sind weniger – in denen ich die Welle anstatt sie im Stehen abzureiten sitzend auf den Knien wie auf einem Schlitten abfuhr – um dann mit dem Surfboard direkt am Strand einzuparken. Dort erwartete mich bereits Surflehrer 1 mit Augen groß wie ein Autobus, der sich die millimeterkurzen Haare raufte und meinte: Sag mal, wie lange brauchst du eigentlich zum Aufstehen? Surflehrer 2 war auch nicht gnädiger, als er das Video von meinem Ritt herzeigte, wo ich mal nach links, mal nach rechts schaute, dann wieder mit den Armen ruderte, als würde ich versuchen, meinen kleinen Surfschlitten anzutreiben. „Aufstehen“, sagte er ironisch, „ist beim Wellenreiten natürlich auf freiwilliger Basis.“ Ich aber war glücklich.

Das ist jetzt fast vier Wochen her, und ich bin auf Entzug. Der ließ mich die ersten Tage so aufgedreht herumlaufen wie einen Trommelhasen, der ans Starkstromnetz angeschlossen wurde. Das Gefühl verschwindet mittlerweile, die Muskeln auch. Der Wunsch nach Wassersport nicht. So haben die Ersatzhandlungen angefangen, die von mäßig blöd bis ganz deppert reichen. Die Surfhaube in die Arbeit aufzusetzen, in jede Wasserpfütze zu springen. Shampoo und Duschgel in die Badewanne zu werfen und versuchen, die Wellen mit der Zahnbürste abzufahren. (Das funktioniert nicht.)

Zum Glück gibt es Kolleginnen A. und T. Die konnten mir kein Meer nach Wien bringen, dafür aber die Wellen wieder in den Kopf. Mit William Finnegans „Barbarentage“ etwa. Der „New York Times“-Reporter schreibt so gekonnt über sein Surferleben, dass man glaubt, selbst in Hawaii aufgewachsen zu sein. Oder die Doku über Surfikone Andy Irons, der 2010 überraschend starb. Ein berührender Film über Sport, Drogen und bipolare Störung. (Surf Film Nacht Wien, 26. Nov. Urania Kino). Dazu Netflix-Dokus (Storm Surfers!) – und das Wiener (Chlor-)Wasser. Regelmäßig eine Stunde Kraulen im Hallenbad hat die raunzende Surferseele dann beruhigt. Im SurfnYoga House im 7. Bezirk gibt's mit Yoga und Zirkeltraining die Vorbereitung auf den nächsten Urlaub. Und demnächst kauf ich mir ein Surfskateboard. Dann surfe ich Beton. Da ist Stehen allerdings Pflicht.

E-Mails an: eva.winroither@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2018)

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