Die schönen Sachen gehören ins Leben

Wenn es in Wien schneit, tritt das Korianderphänomen ein: Man liebt es oder hasst es, ein Dazwischen gibt es nicht.

Bei Koriander ist der Ekel genetisch bedingt: Forscher fanden heraus, dass bei einer gewissen Genkonstellation das Seifige des Krauts stärker wahrgenommen wird. Man kann sich den Koriander daher auch nicht bewusst schönessen.

Die Einstellung zum Schnee in Wien hat hingegen weniger mit den Genen zu tun. Grundsätzlich mag der Städter den Schnee überall außer in der Stadt, daher wird er mit größtmöglichem Einsatz bekämpft: Räumkommandos donnern frühmorgens durch die Gassen, kübelweise wird Streusalz verstreut. Deshalb ziehen Pingelige, die ihre Schuhe ungern äußeren Umständen aussetzen, nicht das an, was für Kälte gedacht ist, Stiefeln etwa. Nässe tut Leder nicht gut, und das Salz hinterlässt hässliche Spuren (die man zwar mit Milch beseitigen kann, aber bei Rauhleder wird es schwierig). Nasse Füße, noch mehr Zorn.

Es gibt aber auch ohne Schnee viele Menschen, die ihre schönen Schuhe grundsätzlich am liebsten nur drinnen tragen würden. In Brüssel, wo es ständig regnet, ist das übrigens ganz normal. Auch wenn es trocken ist, kommt man dort mit Stöckelschuhen auf dem abenteuerlichen Kopfsteinpflaster entweder ums Leben, oder die Absätze sind ruiniert, trotzdem ist die High-Heels-Kultur sehr ausgeprägt. Man zieht für den Weg einfach andere Schuhe an und schlüpft erst drinnen in die Louboutins.

Das erinnert an das schlichte Gebrauchsgeschirr, das ständig im Einsatz ist, um das schöne Service zu schonen. Wenn das hauchdünne Porzellan selten genug zum Einsatz kommt, überschattet die Sorge, es zu beschädigen, die Freude daran. Die schönen Sachen gehören ins Leben und nicht in den Kasten oder den Safe, hat eine Freundin einmal gesagt. Dass etwas „zu schade“ ist, um benützt zu werden, lässt die Dinge zwar länger makellos, aber für Anlässe, die vielleicht nie kommen.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2018)

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