Zugfahrt

Wenn man aus Bregenz kommt und in Wien wohnt, dann entwickelt man ein familienähnliches Verhältnis zur Westbahnstrecke.

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Themenbild: Zugfahrt – (c) Clemens Fabry

Das geht bis ins Metaphorische hinein: Wir altern, aber die Strecke verjüngt sich. Ich kenne diesen Weg, da hat die Zugfahrt noch acht Stunden gedauert, man hat keine Sitzplatzreservierung gebraucht, statt Großraumwaggons gab es die Sechserabteile mit einem einzigen Minitisch am Fenster, wo es aber immer reingezogen hat wie bei einem Hurrikan in Florida. Dafür hat man die Sitze ausziehen und durchaus gemütlich dösen können. Die Schaffner hatten diese klobigen Geräte am Gürtel hängen, und durch die Abteilungen zog sich stets eine Nikotinwolke in ihrer altbewährten Giftigkeit. An Zigaretten ist heute ja nicht zu denken. Außerdem haben wir moderne Sitzgelegenheiten, Kaffee- und Snackservice, Steckdosen, theoretisch einen Internetzugang, und die Fahrtzeit dauert auch nur mehr rasante sieben Stunden. Aber zwei Dinge verändern sich nie: der Ausblick auf die schönste Landschaft sowie der absurd hässliche Bahnhof in Bregenz.

Ich befinde mich wieder auf der Westbahnstrecke, an einem frühen Samstagmorgen, schläfrig und wortkarg wie alle anderen Gäste auch, kaffeesippend, aus dem Fenster in das Novembergrau schauend. Ein ausnehmend gut gelaunter Schaffner betritt den Waggon mit den Worten „Jemand neu auf dem Schiff?“. Er bringt Fröhlichkeit in den Morgen, er plauscht und gestikuliert, er kommentiert die Reiseziele seiner Gäste. „Ah, Spittal“, sagt er zu einer Dame, „is' wer krank?“ „Stein an der Kuf!“, ruft er aus, „Bruck an der Inn!“ Einem Senior erzählt er von einem Sonderangebot mit der Vorteilscard, eine junge Frau irritiert er mit den Worten: „Irgendwas ist falsch mit Ihrem Ticket, aber wissen Sie auch was?“ Sie untersucht nervös ihren Fahrschein, sagt: „Hä?“ „Das ist ein Ticket für die erste Klasse“, löst der Schaffner das Rätsel, die junge Frau lacht erleichtert auf, sie sagt: „Ich sitze gern hier.“ „Ich tät' schon tauschen!“, ruft eine ältere Dame vergnügt zu ihr herüber, wir müssen alle lachen. Ich habe vergessen, mich beim Schaffner für diese lustige Fahrt zu bedanken.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2018)

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