Was, vor Weihnachten noch?

Ein kleines bisschen Hysterie gehört zum Jahresendspurt dazu.

Am 1. Dezember trifft einen die Erkenntnis wie ein Schlag, wie jedes Jahr, aber darauf vorbereitet ist man trotzdem immer wieder nie. Es geht sich alles nicht aus. Es geht sich nur dann aus, wenn man die Ansprüche herunterschraubt, es also billiger gibt, was vor Weihnachten grundsätzlich keine schlechte Idee ist.

Leider ist es manchmal teurer, wenn man es billiger gibt. Wenn man etwa aus Zeit- und Nervenmangel das Fotobuch nicht liebevoll selbst gestaltet, sondern die Bildauswahl der Software überlässt, um den wirren Wahnsinn danach stundenlang händisch zu verändern, dann führt das zuerst zu einem Totalabsturz des Computers und dann zum Versäumen der Deadline, damit das Werk noch rechtzeitig fertig wird. Also hilft nur Fotoausdrucken in jenen Geschäften, die mit der Hilflosigkeit analoger Menschen gut verdienen, und das Album wiegt dann drei Kilo und hat einen Ledereinband.

Wer rechtzeitig mit Weihnachtsdekoration beginnt, ist ein glücklicherer Mensch, zitiert eine Kollegin aus einer Umfrage und man fragt sich, ob eigentlich alle verrückt geworden sind. Glücklich ist doch, wer noch Engelshaar vom Vorjahr an der Stehlampe glitzern sieht, der hatte Weihnachten das ganze Jahr lang und wer auch immer auf die Idee kam, Lametta an den unmöglichsten Plätzen zu befestigen, es geschah mit Fröhlichkeit. Darum geht es doch, um gute Energie, davon kann es nicht genug geben, vor allem zu einer Zeit, wo es immer nur heißt, „was, vor Weihnachten noch?“.

Das war schon immer so, auch als die Welt noch kleiner war, auch, dass irgendwer klagt, von wegen stillste Zeit des Jahres. Manche Sprüche überstehen die Jahrzehnte mühelos. Wann war es denn zuletzt wirklich still? „In der Stille liegt mein Schreien“, sagt plötzlich jemand. Wie extravagant. So ein kleines bisschen Hysterie macht das Leben schon bunt.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2018)

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