Gelbe Westen, Gewalt in der Sprache

Bleiben wir heute noch einmal in Frankreich, welches schwere Tage durchschreitet.

(c) APA/AFP/- (-)

Ein Korrigendum vorweg, dem Wink eines geschichtskundigen Lesers gedankt: jenes französische Verfassungsreferendum der Kommunisten und Sozialisten, auf welches ich mich vorletzte Woche in der Kolumne über Arthur Koestler und seinen Schlüsselroman „Sonnenfinsternis“ bezog (“Wie ein Roman Frankreich vor sich selbst rettete“) und welches auch dank dieses Buches scheiterte, fand 1946 statt, nicht 1953. Bleiben wir heute noch einmal in Frankreich, welches schwere Tage durchschreitet. Landesweit sorgen die „Gilets Jaunes“ für Aufruhr, und was als mehr oder weniger friedvoller Protest von Berufskraftfahrern gegen eine höhere Besteuerung von Dieseltreibstoff begann, ist rasch (fast bin ich geneigt zu sagen: und erwartbar) in Gewaltexzesse entglitten.

Doch mir macht, jenseits der Zerstörungswut, die man stets auf ein paar Randalierer abschieben kann, ein Grundton in den öffentlichen Bekundungen der „Gelbwesten“ tiefe Sorge: Es ist der Basso continuo des Faschismus, des Wunsches, sich einem starken Mann zu unterwerfen. Am Montag war im Radiosender Europe 1 ein Sprecher der Gilets Jaunes geladen, der nicht nur den sofortigen Rücktritt von Regierung und Präsident Macron forderte, sondern an ihrer Stelle sich „einen echten Befehlshaber“ wünschte, „jemanden wie General de Villiers“ (das ist jener Generalstabschef der französischen Streitkräfte, den Macron voriges Jahr im Streit über die Heeresreform absetzte). Einen Caudillo für Frankreich? Wen wundert's, dass Florian Philippot, der frühere Vordenker des rechtsextremen Front National von Marine Le Pen, dies eine Idee nannte, „die es verdient, vertieft zu werden“?

Worte haben Folgen: Über diese Tatsache machen sich Brandredner vom linken und rechten Rand seit jeher lustig. Doch wer sich nur ein bisschen mit Europas Geschichte beschäftigt, der weiß: Manches Gesagte beginnt von allein zu marschieren – und trampelt alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2018)

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