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Schnell in Zeitlupe

Trendsetterin bin ich keine. Ich setze Trends nicht. Ich stolpere mit Verspätung darüber. So ist es mir kürzlich mit dem sogenannten Slow Jogging ergangen. Laut Fitnessartikeln ist das ein japanischer Trend, der schon längst den deutschsprachigen Raum erreicht hat.

Themenbild: Jogging
Themenbild: Jogging
Themenbild: Jogging – (c) REUTERS (CAITLIN OCHS)

Das Slow Jogging, also das langsame Laufen, wurde von Hiroaki Tanaka, einem Sportphysiologen an der Universität von Fukuoka, erfunden. Er soll sogar das japanische Kaiserpaar davon überzeugt haben. Bei mir, dachte ich, sei das überflüssig. Ich liebe es ohnehin, langsam zu laufen. Mit Slow Jogging haben meine langsamen Dauerläufe, wie ich seit meiner Testrunde weiß, allerdings nur wenig zu tun. Denn beim Slow Jogging gilt es 180 Schritte pro Minute zu machen. Das ist mir nur mit großer Mühe und nach einigen Versuchen gelungen. Denn das verlangt nach einer extrem hohen Schrittfrequenz. So tappte ich mit schnellen Minischritten durch Wien und bewegte mich dennoch nur in Zeitlupe fort. Ich wurde sogar von Fußgängern überholt – selbst von denen, die es nicht eilig hatten. Das hat meine Motivation, weiter slow zu joggen, schwinden lassen. Daran konnte auch die im Netz angebotene eigene Slow-Jogging-Musik mit 180 Beats pro Minute nichts ändern.

Aus sportwissenschaftlicher Sicht spricht nichts gegen den Trend. Aber auch wenig dafür. Es sei, sagt Sportwissenschaftler Christoph Triska vom Österreichischen Institutsfonds für Sportmedizin (ÖISM), besser, sich langsam zu bewegen als gar nicht. Dabei sei Slow Jogging aber keineswegs effektiver als gewöhnliches Laufen oder Walken. Es trainiere weder Muskeln noch Herz-Kreislauf-System besonders gut. Vielmehr sei es ein „Nerventraining“. (Damit ist nicht mein gereiztes Gemüt gemeint.) Durch die vielen raschen, kleinen Schritte müsse der Nerv ständig Signale an den Muskel abfeuern. Das fördere die Koordination und könne das Fallrisiko verringern. Deshalb seien 30-sekündige Slow-Jogging-Phasen während eines Dauerlaufs generell ratsam.

Der Vorschlag trifft meinen Geschmack schon eher. Es wäre Zeit, einen neuen Trend zu setzen.

E-Mails an: julia.neuhauser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2018)

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