Das Grauen in der Gasse vor der Stiege

Warum eine kleine Metallplatte möglicherweise mehr bewirkt als die herkömmliche Holocaust-Vermittlung.

Nicht dass es so wäre, dass einen die Kollegen und Vorgesetzten mitunter ärgern würden – dennoch braucht der Mensch nach getaner Arbeit ein wenig Frischluft. Und so gehe ich abends, wenn die letzten Meldungen des Tages ihren Weg in die Zeitung gefunden haben, gern zum Auslaufen in den nahen Park. Ich nehme täglich dieselbe Route, sie führt von meinem Wohnhaus, vorbei am Elektrohändler am Eck in eine verkehrsberuhigte Gasse, an deren Ende eine Stiege hinaufführt zu einer Villa, vor der die luxemburgische Fahne weht, dann vorbei am Haus für das russische Botschaftspersonal und von dort sind es nur noch wenige Meter ins Grüne.

Seit Kurzem ist in den Boden vor der Türe eines der Häuser in besagter verkehrsberuhigter Gasse, an deren Ende sich die Stiege befindet, ein kleines goldenes Metallschild eingelassen. Darauf steht zu lesen: „In diesem Haus wohnten Osias und Pessie (geb. Hecht) Rosenkranz. Am 28. 10. 1941 nach Lodz deportiert. In der Shoa ermordet.“

Obwohl ich mittlerweile schon weiß, was auf dem Schild steht, sehe ich dennoch jedes Mal aufs Neue hin. Und im Vorbeigehen fragt man sich dann zwangsläufig, wie das damals wohl war, wie die beiden waren, ein netteres älteres Ehepaar vielleicht. Aber eigentlich will man das gar nicht so genau wissen.

Ohne Holocaust-Mahnmalen allzu nahetreten zu wollen – aber in ihrer Eindringlichkeit ist diese kleine Metallplatte möglicherweise wirkungsvoller. Denn diese Menschen haben genau hier an diesem Ort, an dem man selbst jeden Tag vorbeigeht, gelebt. Bis man ihnen diese Heimat, die auch die eigene ist, genommen hat.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)

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