Das Wladiwostok des Westens

Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders.

Wladiwostok Westens
Wladiwostok Westens
Venedig – (c) Bilderbox

Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders. Friedrich Torbergs Tante Jolesch konnte wohl nicht wissen, dass sich genau dieser Andersartigkeit auch andere Städte rühmen. Wenn sie dabei auch immer wieder auf das große Vorbild Venedig zurückgreifen. Dass etwa Amsterdam gern als das „Venedig des Nordens“ bezeichnet wird, ist ja weithin bekannt. Dass derselbe Titel auch Brügge, Berlin, Hamburg und Stockholm umgehängt wurde, ist dann nicht mehr ganz so geläufig. Und dass sich auch Papenburg (wer kennt es nicht!), die nördlichste Stadt des Emslandes (wo?), mit diesem Titel schmückt, sei nur mehr am Rande erwähnt. Blickt man in andere Himmelsrichtungen, stößt man auch noch auf St. Petersburg, Bangkok und Suzhou in China oder Duisburg und Nantes. Tatsächlich scheint es, als würde sich jede Stadt, durch die zwei, drei Kanäle führen, gleich des venezianischen Renommees versichern wollen.

Neben Venedig begegnet man noch weiteren Städten, die überall auf der Welt weiterstrahlen. Gern verwendet wird etwa Paris. Und auch Rom – sobald in einem Örtchen mehr als drei Kirchen stehen, wird ihm gleich das Attribut „Rom des . . .“ umgehängt. Negombo an der Westküste Sri Lankas ist so ein Fall. Dort haben die Holländer übrigens einst einen Kanal errichtet – vielleicht böte sich also eine Kombination aus „Rom und Venedig Sri Lankas“ an. Und mancher Ort wird auch mit Jerusalem in Verbindung gebracht. Etwa Prag, Vilnius, Trondheim, Montreal, Lalibela in Äthiopien, auch Memphis in den USA. Und interessanterweise auch Amsterdam und Hamburg, die ja eigentlich schon Venedigs sind. Da soll sich einer auskennen . . .

Bleibt die Frage, warum eigentlich nie andere Städte bei diesem Spielchen zum Zug kommen. So etwa als „Amstetten des Balkan“, „Teheran des Nordens“ oder „Wladiwostok des Westens“. Irgendwie hätte das nämlich schon Potenzial.


E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2011)

Kommentar zu Artikel:

Das Wladiwostok des Westens

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen