Fritz, Wilhelm und Tommy feiern Weihnachten

Ein Moment der Menschlichkeit zwischen einfachen Soldaten. Zu Weihnachten 1914 kamen mitten im Ersten Weltkrieg die Gegner aus den Schützengräben und feierten gemeinsam.

Deutsche und britische Soldaten bei einem Treffen im Niemandsland, 26. Dezember
Deutsche und britische Soldaten bei einem Treffen im Niemandsland, 26. Dezember
Deutsche und britische Soldaten bei einem Treffen im Niemandsland, 26. Dezember – (c) Imperial War Museums

Kann es sein, dass 15 Millionen User von YouTube unter Geschmacksverwirrung leiden? So viele Fans hat ein Werbespot der britischen Warenhauskette Sainsbury's, der seit einigen Wochen auf der Videoplattform läuft. Er zeigt eine Begebenheit aus dem ersten Kriegswinter 1914. Deutsche und britische Soldaten kauern am Heiligen Abend in ihren Schützengräben, einer beginnt laut „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zu singen, wie ein Echo tönt von der anderen Seite der Front „Silent Night“. Die jungen Soldaten kriechen mit erhobenen Händen, zitternd aus Angst vor feindlichem Gewehrfeuer, aber dann immer entschlossener, aus ihren Gräben, gehen aufeinander zu. Die Angst löst sich, Briten und Deutsche geben einander die Hand: „My Name is Jim“, „Mein Name ist Otto“. Fotos werden hergezeigt, man spielt Fußball, die Nacht weicht. Als aus der Ferne Kanonendonner zu hören ist, endet das Treffen jäh. Zurück im Schützengraben findet ein deutscher Soldat ein Geschenk eines Briten in seiner Uniformtasche: eine Schokoladetafel der Marke „Sainsbury's“. Die Warenhauskette hat 2014 ihre Schokolade aus 1914 im Retrolook wieder auf den Markt gebracht.

Das Kommerz-Video wird in England kontroversiell etwa als Respektlosigkeit gegenüber Millionen Opfern diskutiert. Es schließt an das Wunder der Verbrüderung zu Weihnachten 1914 an, ein reales, vielfach dokumentiertes Geschehen. Es gibt Tagebucheintragungen dazu, Feldpostbriefe, Artikel in britischen Zeitungen, auch mit Fotografien. An vielen Abschnitten der Westfront, vor allem in Flandern rund um Ypern, kam es am Weihnachtstag 1914 zu massenweisen Verbrüderungen zwischen den englischen und französischen Soldaten auf der einen, den deutschen auf der anderen Seite. Man einigte sich darauf, nicht aufeinander zu schießen. Solche Kampfpausen hatte es schon vorher gegeben, wenn es darum ging, die Leichen aus den Frontabschnitten zu räumen. Nun aber ging man aufeinander zu, sang die bekannten Weihnachtslieder und tauschte Zigaretten und Geschenke aus. Bei den fußballbegeisterten Briten lief das natürlich nicht ohne ein kleines Kickerl mit improvisierten Toren ab. Für Tage, vereinzelt sogar Wochen, kamen die Kampfhandlungen an einzelnen Frontabschnitten zum Erliegen.

Erste Kriegsweihnacht

Ganz überraschend kam der „Weihnachtsfriede“ nicht. Die Westfront war zur Jahreswende endgültig militärisch festgefahren, die Soldaten hatten sich in den gewonnenen Boden gekrallt. Ihr Lebensraum wurden die Schützengräben, ein alptraumhaftes Amalgam von Ungeziefer, Ausscheidungen, Blut, Schlamm, Sterbenden und Gestorbenen. Hier kam bis zum Sommer 1918 nichts zustande außer Blut und Elend, über Jahre wurde das Leben auf dem industrialisierten Schlachtfeld zum Wettbewerb der Blutverluste. Es war dem Krieg vom August 1914 nicht vorbestimmt, ein vierjähriger Weltkrieg zu werden, viele rechneten mit einem Kriegsende noch vor Weihnachten und einem friedlichen Fest (natürlich als Sieger) bei ihren Familien. Die europäischen Mächte wussten, dass die erste Kriegsweihnacht ein heikles Datum sein würde und begegneten dem Ereignis mit großem propagandistischen Aufwand: Jeder sollte „Liebesgaben“ an die Front versenden, sorgsam wurden Truppenbesuche durch Staatsmänner und Regenten inszeniert. Papst Benedikt XV. rief die beteiligten Mächte zu einem weihnachtlichen Waffenstillstand auf.

Bereits am 23. November 1914 schrieb Winston Churchill, erster Lord der britischen Admiralität und Kriegsbefürworter, an seine Ehefrau Clementine: „Was würde passieren, wenn die Armeen plötzlich alle zugleich zu streiken beginnen und verlangen würden, den Konflikt auf andere Weise auszutragen als so?“ In den österreichischen und deutschen Zeitungen wurde die menschliche Geste der Soldaten zu Weihnachten 1914 nicht erwähnt, obwohl sie es vorher nicht verabsäumt hatten, ihre Leser über „Menschliches Allzumenschliches“ im Soldatenleben an der Front zu informieren (und zu beschwichtigen). Da geriet die Front gelegentlich geradezu zur Idylle (siehe Einwurf nebenan). Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger, selbst Soldat an der Westfront, schreibt in seinem Buch „Stahlgewitter“: „An manchen Teilen der Stellung stehen die Posten kaum dreißig Schritte voneinander entfernt. Hier spinnt sich zuweilen eine persönliche Bekanntschaft an; man erkennt Fritz, Wilhelm oder Tommy an der Art, in der er hustet, pfeift oder singt. Kurze Zurufe, die eines rauen Humors nicht entbehren, gehen hin und her. ,He, Tommy, bist du noch da?‘ – ,Ja!‘ – ,Dann steck' mal den Kopf weg, ich will jetzt schießen!‘“

Pazifistischer Traum

Stille Vereinbarungen über die Gräben hinweg, die Waffen schweigen zu lassen ein pazifistischer Traum , war natürlich der Alptraum der Heereskommandanten. Es konnte auch nur an Frontabschnitten „passieren“, wo sich über längere Zeit dieselben Einheiten gegenüber lagen. Hohe militärische Dienststellen mussten hier eine erhebliche Gefahr für die Kampfmoral und Disziplin der Truppe erblicken. Bereits am 6. Jänner 1915 wurde ein Armeebefehl veröffentlicht, der jede Annäherung an den Feind im Schützengraben verbot und dem Landesverrat gleichstellte. Die fraternisierenden Soldaten der flandrischen Weihnachtsnacht schossen einander im neuen Jahr wieder zu Tode.

Erst 1917 kam es an der Ostfront unter dem Einfluss der bolschewistischen Revolution wieder zu Soldatenverbrüderungen. Berichtet wird auch von informellen Vereinbarungen zwischen den Gegnern, nicht oder nur in ritualisierter Form aufeinander zu schießen, von britischen Historikern als „live-and-let-live-system“ bezeichnet. Kollektive Verweigerungen kamen im Kriegsverlauf aber sehr selten vor, obwohl die Soldaten die anfängliche Kriegsbegeisterung längst verloren hatten, sondern sich als anonyme Tötungsmaschinen fühlen mussten, denen es nur mehr ums Überleben ging. Die wenigsten kämpften weiter aus ideologischen Gründen, keiner wollte mehr die „deutsche Kultur“ oder „westliche Zivilisation“ retten. Dennoch hielt die Kampfmoral unglaubliche vier Jahre durch, patriotisches Pflichtbewusstsein und die starke Bindung zwischen den Soldaten waren wohl ausschlaggebend. Die Frage nach dem Sinn des Kriegs konnte dabei völlig in den Hintergrund treten.

Die Soldatenverbrüderung zu Weihnachten 1914 geriet nach dem Ersten Weltkrieg für lange Zeit völlig in Vergessenheit. Die Fronten zwischen den Staaten blieben bis nach 1945 so verhärtet, dass dieser kleine, vorübergehende Triumph der Menschlichkeit zwischen einfachen Soldaten kein Interesse fand. Seit den 1980er-Jahren wurde der „Christmas truce“ dann in Großbritannien immer populärer, es entstand sogar ein Musical darüber und eine Karikatur, in der der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl in preußischer Uniform mit Pickelhaube mit dem britischen Premier John Major Fußball spielt („The Spectator“, 1983). Hundert Jahre danach hat der Weihnachtsfriede in der populären Erinnerungskultur endgültig seinen Platz gefunden. Die Neuentdeckung des „Großen Krieges“ in Europa wird in den Kontext einer pazifistischen Antikriegshaltung und europäischen Verständigungspolitik gestellt, aus der die Europäische Union einen Gutteil ihrer Legitimation bezieht. So gesehen könnte man auch an der Vermarktung des Weihnachtsfriedens in einem Kommerz-Video des Jahres 2014 positive Aspekte entdecken.

museum

Flandern Fields Museum Ypern
Gänsehaut bei den Besuchern im Museum von Ypern (Belgien): Schauspieler stellen auf lebensgroßen Monitoren das Weihnachtswunder von 1914 mit Originalzitaten der damals verfeindeten Soldaten nach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2014)

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