Renault Twizy: Ein Auto sagt :)

Ist Renault nur ein guter Gag gelungen oder beginnt die Zukunft des Elektroautos genau hier?

Auto sagt
Auto sagt
(c) Juergen Skarwan

Als die Studie 2009 durch die europäischen Autosalons tingelte, hatte sie an der Front ein grob gepixeltes Display, über das man einfache Botschaften absetzen konnte, Smiley, Blume, oder einfach: „Hi!“

„Der Twizy soll die Menschen auf der Straße ansprechen, mit ihnen kommunizieren“, erklärte der Designer. Drei Jahre später ist das Display verschwunden. Dafür sind zwei andere Dinge passiert. Der Twizy, ein vierrädriges, zweisitziges Elektrogefährt, für das einem verwandte Beispiele fehlen, hat es in die Serienproduktion geschafft. Es sind Preislisten gedruckt, und was wir für erste Tests zum Fahren bekommen haben, sind keine Vorserienmodelle, sondern the real thing. Und obwohl Smiley auf der Strecke geblieben ist, spricht der Twizy die Menschen auf der Straße an, als würden wir jedem Einzelnen von ihnen laut zurufen. Ein Straßenspektakel erster Güte – bemerkenswert für ein Auto, das praktisch kein Geräusch produziert.

Renault Twizzy: Mehr als ein guter Gag?



Aber ist es denn ein Auto? Zunächst verfügt der Twizy über die entsprechenden primären Erkennungsmerkmale: Er hat ein Dach, Türen (wiewohl gegen 590 Euro Aufpreis), ein Lenkrad, Pedale, zwei Scheinwerfer an der Front und vier Räder, frei stehend (auf Stahl- oder Alufelgen). Damit entfällt die Kategorie Motorroller, denn die haben bislang maximal drei Räder. Am ehesten ähnelt der Twizy dem Smart. Der Renault ist beinahe so lang, aber entschieden schmäler. Um genau zu sein: Der Twizy ist das erste Auto, in dem der Fahrer beide Ellbogen ins Freie lehnen kann. Der zweite Passagier nimmt folglich hinten Platz. Das geht mit ein wenig Turnerei. Mangels Fußfreiheit stellt man die Füße links und rechts vom Fahrersitz, hat sie aber immer noch innerhalb des Aufbaus. Hartplastik, auf dem man sitzt und das einen umgibt: robust, pflegeleicht, wasserfest. Man fühlt sich ganz behaglich, nicht so verletzlich exponiert wie hinten auf der Vespa. Der Platz kann auch als Stauraum genutzt werden, allerdings schießt Renault den passenden absperrbaren Behälter erst im Lauf des Jahres nach – die erste Variante hat sich als nicht vandalensicher erwiesen. Apropos: Damit übermütige Kids nicht spazierenfahren, wenn der Twizy abschüssig parkt, ist die Feststellbremse an das Zündschloss gekoppelt.

Der Schlüssel dazu könnte vom Twingo stammen, wie auch der Blinkerstock und das Lenkrad. Twizy ist eine Wortkombination aus Twin (für zwei Personen ) und easy. Kein leeres Versprechen: Hat man den Schlüssel im Schloss gedreht und anschließend die Taste D gedrückt, rollt man los, umstandslos wie beim Autodrom im Prater. Jedes Kind, dessen Füße zu den Pedalen reichen, könnte das Vehikel einigermaßen gefahrlos fahren. Es kann nicht umfallen. Lenken hat man in aller Regel auf dem Bobby Car gelernt, und dass man vor Hindernissen bremsen sollte, ist seit ersten Schürfern auf dem Laufrad nichts Neues. Kupplung, mit der man den Motor abwürgen kann, gibt es keine, ebenso wenig Gänge, mit denen man sich vertun könnte. Es gibt nicht einmal einen Motor für gequältes Aufheulen, jedenfalls keinen herkömmlichen. Es wird nicht einfach sein für Eltern, den Kleinen gelegentliche Spritztouren zu verwehren. Hat Renault ein Spielzeugauto gebaut?

Mit kindlichem Übermut geht das Auto jedenfalls recht gelassen um – es übernimmt definitiv mehr Verantwortung für den Fahrer als ein Bobby Car. Nichts könnte Renault in der Startphase wohl auch weniger brauchen als ein paar deformierte Twizys auf wrecked-exotics.com. Bei den Testfahrten auf Ibiza haben wir ganz gewiss jede Gelegenheit genutzt, den Twizy in die Reserven zu treiben. Zunächst fahrdynamisch. Dreh- und Angelpunkt ist die knapp 100 Kilogramm schwere Lithium-Ionen-Batterie, die unter dem Fahrersitz nah an der Straße verbaut ist, und die, im Zentrum des Fahrwerks, einen niedrigen Schwerpunkt herstellt. Zusammen mit den weit ausgestellten Rädern für eine möglichst breite Spur und den mit viel Expertise abgestimmten Federn und Dämpfern – einige der maßgeblichen Twizy-Entwickler stammen aus Renaults Sportabteilung – ist das Gefährt aus eigenem Antrieb nicht zu kippen. Der Preis dafür ist seine Neigung zum Untersteuern – es fährt sich nicht wie ein driftgeiles Sportgerät, sondern schiebt bei schnellem Richtungswechsel oder zu hohem Tempo in der Kurve gutmütig über die Vorderräder. Die Räder bauen bei diesem Schmieren so viel Grip auf, dass sie der Situation schnell die Brisanz nehmen. Ist man immer noch zu schnell, latscht man einfach fest auf die Bremse. Um dennoch ein wenig zum Driften zu kommen, mussten wir uns auf Sand und Schotter bemühen.

Lusttöter ist der Twizy trotzdem keiner. Auf  geschlängelter Landstraße – Ibiza bietet reichlich davon – ist spontan der Ehrgeiz erwacht, die Kurven mit einer runden, sauberen Linienführung so schnell wie möglich zu durchmessen. Weil einem die Beschleunigung ab 60 km/h nicht mehr wirklich den Atem raubt, ist man auf Schwung angewiesen, den man nur selbst mitbringen kann. Wie man so liegt, bekommt man im zugigen Abteil akustisch mitgeteilt: Wetzen die Vorderräder wie große Radiergummis auf dem Asphalt, ist die Ideallinie offenbar verfehlt.

Unserer Ansicht nach hat Renault mit dem Twizy den bislang seriösesten Vorschlag in Sachen E-Mobilität gemacht. Dass er im clownhaften Kleid des Twizy daherkommt, ist kein Widerspruch. Alle Versuche, unsere Autos im Grunde zu belassen, bloß mit E-Motor und einem Haufen Batterien auszustatten, sind zum Scheitern verurteilt: Tesla und Leaf mögen Pioniere sein, eine Zukunft haben sie selbst jedoch nicht. Der Twizy könnte eine haben. Das Fesselnde ist, dass Renault selbst keine Ahnung hat, wohin die Reise geht. Ist ein Wurf vom Rang des iPhone geglückt? Apples Telefon hat für viele Laptop und Kompaktkamera obsolet gemacht, eine ähnliche Leistung könnte im Gefüge der urbanen Mobilität gelingen.

Roller, Kleinwagen, Fahrrad, der Stromscooter packt all das in eines. Der Preis ist realistisch. Die Koordinaten aus Reichweite  (100 km) und Ladedauer (3,5 Stunden) sind brauchbar in einem Alltag, der wenigstens irgendwann eine Steckdose vorsieht. Mit dem Twizy 45 hat sich Renault eine Variante für Eltern offengehalten, die ihre Kids nicht auf dem Moped sehen wollen. Wir haben Interesse von allen Altersgruppen registriert. Am neugierigsten, so scheint uns, wurden wir aber von den Oldies beäugt. Sie scheinen instinktiv zu kapieren, welch unkomplizierte, leichtfüßige Mobilität ihnen das Ding in der Stadt bieten kann. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Sache abhebt, bloß ganz anders als gedacht.

Spielzeugauto für Erwachsene

(c) beigestellt
„80“ für 80 km/h, verlangt den B-Führerschein. Der langsamere Twizy 45 entspricht Mopeds.

Name: Renault Twizy 80
Preis: 7690 Euro, Batterie 50 €/Monat
Motor: Asynchron-Elektro, 18 PS
Reichweite: maximal 100 Kilometer
Gewicht: 474 kg (davon Batterie: 99 kg)
Ladezeit: 3,5 Stunden (230 Volt)


Verfolger: Der Twizy wird nicht lang allein bleiben

VW Nils

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460 kg leichter Einsitzer mit Elektroantrieb, speziell für Pendler konzipiert: Volkswagens Forschungsprojekt in Sachen Mikromobilität.

Audi Urban Concept

(c) beigestellt
Frei stehende Räder, einen kräftigen E-Motor, eine offene Spyder-Variante – das bietet Audis Studie. Allerdings: keine konkreten Pläne.

Opel RAK e

(c) beigestellt
Unter Beteiligung von Österreichs Designwerkstatt Kiska will Opel den „Rak e“ nach Twizy-Vorbild im Jahr 2013 auf den Markt bringen.

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