Kanadischer Yukon: Cancan und Goldstaub

Jack-London-Fans kennen die Gegend um Dawson City, das Städtchen nahe Yukon, Klondike und Bonanza Creek. Der Goldrausch von einst zieht noch immer Besucher an.

(c) Gerd Braune

Noch ist das Eis auf dem Yukon solide gefroren. Etwa 300 Meter breit ist der Fluss bei Dawson City im kanadischen Arktisterritorium Yukon. Über eine „Eisstraße“, die eine kleine Siedlung am Westufer mit dem Städtchen Dawson City auf der Ostseite des Flusses verbindet, fahren Autos und Motorschlitten. Noch einige Wochen lang kann diese von der Natur geschaffene Brücke genutzt werden. Jedes Jahr warten die Bewohner von Dawson City gespannt auf den Tag, an dem das Eis bricht. Es klingt wie Donner, der in der ganzen Stadt zu hören ist. Knirschend reiben sich die Eisschollen dann aneinander, während sie langsam flussabwärts Richtung Alaska treiben. Der Break-up des Eises markiert das Winterende. Aber nicht nur deshalb warten die Bewohner von Dawson gespannt auf dieses Ereignis: Seit 1896 gibt es eine Wette auf den Zeitpunkt des Eisbruchs. In den Geschäften und Pubs liegen die Tickets für die Wette auf. „Ice Guessing“ ist das vorrangige Gesprächsthema in Dawson. Für zwei Dollar Einsatz kann man auf dem Los seinen Tipp abgeben.

Nicht nur der Tag, sondern auch die Stunde und Minute sollen erraten werden. Im vergangenen Jahr brach das Eis am 15. Mai um 18.08 Uhr. Ein Jahr zuvor war es am 1. Mai um 9.42 Uhr. Wer richtig liegt, kann sich über ein paar Dollar freuen. Kyla MacArthur, die früher in einer Kneipe in Dawson City gearbeitet hat und seit der Kommunalwahl im vergangenen Jahr Mitglied des Stadtrats ist, hat 2009 den Ice Break-up auf die Minute genau getippt: 3. Mai, 12.17 Uhr. „3000 Dollar habe ich gewonnen“, erzählt die junge Frau. „Ich habe das Geld als Anzahlung für den Kauf meines Hauses genommen.“

Tombstone Range. Dawson City liegt an der Mündung des Klondike in den Yukon. Vom knapp 1000 Meter hohen Midnight Dome, der sich direkt hinter dem Städtchen erhebt, geht der Blick weit in die Täler der beiden Flüsse. Eine Straße führt auf den Midnight Dome, auf dem im Sommer die jungen Menschen von Dawson die Sonnenwende feiern. Birken und Pappeln,Zitterespen, Fichten und Weiden säumen die Straße. „Ein typischer borealer Wald“, erläutert Sandra Hall, die Besuchern die Schönheiten der Landschaft zeigt. Wohin der Blick auch wandert, am Horizont ist eine schneebedeckte Bergkette zu sehen – die Klondike Range, die Snowy Range, die Tombstone Range, die Ogilvie Range. Die Berge im Westen liegen bereits im US-Bundesstaat Alaska. Nur 95 Kilometer sind es bis zur Grenze, zu der der „Top of the World Highway“ führt. Im Winter ist er geschlossen.

Erst seit den 1950er-Jahren gibt es eine Straßenverbindung in die 535 Kilometer weiter im Süden liegende Stadt Whitehorse, den Klondike Highway. Zuvor musste alles, was Dawson brauchte, mit dem Schaufelraddampfer über den Yukon transportiert oder eingeflogen werden. Erst 1979 wurde der Dempster Highway eröffnet, der in das 800 Kilometer entfernte Inuvik im Mackenzie-Delta führt, das bereits in den benachbarten Nordwest-Territorien liegt. Die Fahrt in den Norden geht durch endlose boreale Wälder, bevor diese in die Tundra übergehen. Grizzlybären, Wölfe, Karibus bevölkern den Yukon, hoch im Norden an der Eismeerküste auch Mochusochsen und Eisbären. 

Goldrausch. „Überall ist Gold“, sagt Sandra Hall und weist vom Midnight Dome ins Tal des Klondike. Dawson City. Yukon. Klondike. Kaum eine Region ist so mit Gold verbunden wie diese Gegend, kaum eine wird so romantisiert und hat solch eine Berühmtheit erlangt – dank Jack London, der wie tausende andere während des Klondike-Goldrausches dem Lockruf des Goldes folgte und in Werke wie „Ruf der Wildnis“ seine Erlebnisse einfließen ließ. Im Sommer 1898 erlebte der Goldrush am Klondike seinen Höhepunkt. Dawson, heute eine Gemeinde von etwa 1800 Einwohnern, war damals eine mehr als 30.000 Menschen zählende Stadt. Nachdem zwei Jahre zuvor am Bonanza Creek Goldnuggets gefunden worden waren, strömten Goldsucher und Abenteurer in diese Region. Mit Schiffen fuhren sie von San Francisco und Portland nach Skagway an der Küste Alaskas und schleppten ihr Gepäck über den Chilkoot-Pass und die berüchtigte „goldene Treppe“ hinein nach Kanada, erreichten den Yukon und fuhren mit Schiffen stromabwärts nach Dawson City. Dawson wurde zum „Paris des Nordens“ mit Hotels und Bars mit Cancan-Aufführungen. Goldfunde in Alaska beendeten wenige Jahre später den Boom. Dawson wurde wieder zu einer Kleinstadt und anstelle der einsamen Goldsucher mit ihren Schürfpfannen bauten Unternehmen ihre Maschinen und Schwimmbagger auf und durchwühlten Bachläufe und Uferzonen nach Gold.  

Aber die Goldgräberatmosphäre jener Zeit ist noch heute zu spüren und wird sorgsam gepflegt. Die Straßen sind mit Ausnahme der Frontstreet entlang des Yukon nicht geteert oder gepflastert, sondern bestehen aus festgestampftem Lehm, Sand und Schotter. In den wichtigsten Straßen führen Gehsteige aus Holzbrettern an Wohnhäusern und Geschäften vorbei, so wie es auf Fotos aus der Goldgräberzeit zu sehen ist. In Dawson muss das Äußere der Gebäude so gestaltet werden wie um 1900: mit Panelverkleidung an Front und Seiten, mit Dächern aus Blech und Holzzäunen im Stil der damaligen Zeit. Mehr als zwei Stockwerke sowie ein ausgebautes Dachgeschoß haben die Wohnhäuser nicht. Freiheit gibt es bei der farblichen Gestaltung. Dawson City ist eine farbenfrohe Kommune.

Farbenfroh. Frisch in Arktisrot  gestrichen: das Downtown Hotel.
Farbenfroh. Frisch in Arktisrot  gestrichen: das Downtown Hotel.
Farbenfroh. Frisch in Arktisrot gestrichen: das Downtown Hotel. – (c) Gerd Braune

Alte Häuser werden liebevoll wieder aufgebaut. Wendy Cairns ist Eigentümerin von Bombay Peggy’s Inn & Pub. Der einladende Salon im Erdgeschoß ist mit viktorianischen Möbeln eingerichtet, an den Wänden hängen Gemälde des lokalen Künstlers Halin de Repentigny, eine Hommage an das Leben am Yukon. 1986 kam Wendy Cairns erstmals aus Vancouver nach Dawson, als Cancan-Tänzerin für die Show in Diamond Tooth Gertie’s Gambling Hall. „Für eine 20-Jährige war es eine fantastische Art, den Sommer zu verbringen“, sagt die heute 44-Jährige. Zehn Jahre später kaufte sie zusammen mit einer Partnerin Bombay Peggy’s, ein zerfallendes Haus, das im Morast des auftauenden Permafrostbodens zu versinken drohte. Ein Haus mit einem dubiosen Ruf: Es beherbergte in den 1940er- und 1950er-Jahren eines der letzten Bordelle in der Gemeinde. Bombay Peggy’s konnte an eine sichere Stelle im Stadtzentrum umgesiedelt werden, wurde erweitert und von Grund auf renoviert. „Es begann als Traum. Diesen Traum habe ich verwirklicht“, sagt Wendy über ihr schmuckes Haus.

Landmark. Das Palace Theatre ist eines der markantesten Gebäude aus der Zeit des Goldrausches. 1899 ist es mit einer großen Gala eröffnet worden. Das Palace war eine Mischung aus einem europäischen Opernhaus und einem Amüsierbetrieb einer Boomtown im Wilden Norden. Auch heute finden hier noch Shows und Theateraufführungen statt. Als das Haus vor etwa 20 Jahren renoviert wurde und rund um die Bar die Bretter des Parkettbodens entfernt wurden, lag zwischen ihnen eine feine Schicht Goldstaub, Überbleibsel des Zahlungsmittels früherer Zeiten. „Die Goldgräber, die hier am Wochenende nach der harten Arbeit an den Creeks Ablenkung suchten, zahlten mit Goldstaub“, sagt  Sandra Hall. Vor 22 Jahren ist sie von Kamloops in British Columbia nach Dawson City gekommen. „Nach 48 Stunden wusste ich, dass ich nicht mehr weggehen werde“, erzählt sie. „Der Geruch der Luft, die Sonne, die freundlichen Menschen. Das war es, was ich suchte. Und eigentlich sind hier fast alle Immigranten.“ Das gilt auch für Peter Jenkins, der vor 40 Jahren als 25-jähriger Ingenieur von Montreal nach Dawson kam, um in einer Blei-Zink-Mine zu arbeiten, und einige Jahre  Bürgermeister von Dawson City war. Acht Gemeinden gibt es im Yukon, das sich von der Grenze British Columbias über 1000 Kilometer bis zur Eismeerküste erstreckt und nur 33.000 Einwohner hat, von denen 23.000 in der Hauptstadt Whitehorse leben.

„Wir sind eine lebendige, historische Gemeinde“, sagt Jenkins über Dawson. Es will den Charakter der Vergangenheit bewahren, aber die Dienstleistungen bieten, die seine Bürger von einer modernen Kommune erwarten können und die die Stadt attraktiv für Touristen machen, die bei aller Liebe zum Abenteuer auf Komfort nicht verzichten wollen. Seit einigen Jahren fliegt die Fluggesellschaft Condor von Mai bis Oktober direkt von Frankfurt nach Whitehorse, was die Zahl deutscher Touristen am Yukon und Klondike nach oben schießen ließ. „Hier sind Englisch und Deutsch die Amtssprachen“, lacht er.

Bonanza Creek.
Der Klondike Highway führt zum Flughafen Dawsons. Nach wenigen Kilometern zweigen Straßen nach rechts ab, zum Bonanza Creek, wo 1896 das erste Gold gefunden wurde, und anderen goldführenden Bächen. Die Goldgewinnung ist neben dem Tourismus das zweite Standbein Dawsons. Wenn das Eis bricht, ziehen die Placer Miner, die Goldgräber, hinaus zu ihren Claims am Klondike, am Bonanza, Dominion, Indian, Gold Run und an vielen anderen Bächen und Flüssen. Sie suchen dann nach den Nuggets, aber nicht mehr mit Schaufel und Schürfpfanne, sondern mit Baggern und Rüttelmaschinen, die das schwerere Gold von dem leichteren Gestein trennen. 1900, auf dem Höhepunkt des Goldrush, wurde bei Dawson City mehr als eine Million Feinunzen Gold aus den Bächen geholt. Bis heute sind es 13,5 Millionen Unzen mit einem Wert von 1,35 Milliarden Kanada-Dollar. Derzeit liegt die Förderung bei 40.000 bis 50.000 Unzen.

Noch scheint die Sonne, obwohl es schon Abend ist. Erst gegen 23 Uhr ist es jetzt dunkel in Dawson. In der Diamond Tooth Gertie’s Gambling Hall werden die Karten gemischt. Gespielt wird Texas Hold’em, Black Jack und Red Dog. Neben einigen Fremden sind es in diesen Wochen überwiegend Dawsoner, die spielen. Ab Ende Mai kommen die Touristen. Dann herrscht richtig Leben in Gertie’s. „Die Spieler stehen Schulter an Schulter, und die Mädchen tanzen ihren Cancan. Es ist unglaublich“, freut sich Gavin Dillon, einer der Croupiers. Aus der Jukebox erklingt Neil Youngs „Heart of Gold“. Dillon bittet um den Einsatz am Roulettetisch. Diamond Tooth Gertie’s Gambling Hall ist Kanadas älteste Spielhalle, obwohl sie erst 1971 eröffnet wurde. Aber das Gebäude stammt aus der Gold-rush-Zeit, und sein Namen führt ebenfalls 100 Jahre zurück: In den Tanzsälen und Kneipen von Dawson war Gertrude Lovejoy, die einen Diamanten zwischen ihren Schneidezähnen hatte, eine Berühmtheit. Sie musste nicht an den Bächen arbeiten, um Gold zu bekommen. Die Goldsucher öffneten bereitwillig ihre Goldbeutel, wenn Gertie sie ihre Zuneigung spüren ließ.

Es ist Nacht in Dawson City. Ein sternenklarer Himmel zeigt sich über dem Yukon und dem Klondike. Der Himmel im Norden wird heller. Ein weiß-gelber Lichtstreifen ist zu sehen, ganz schwach auch ein Grünschimmer – die Aurora Borealis, das Nordlicht. Ihre volle Schönheit mit leuchtendem Gelb, Rot oder Grün will sie in dieser Nacht nicht zeigen. Dann verschwindet das Licht. Im Mondschein glitzert die Eisfläche auf dem Yukon.

Tipp

Stilecht. Sturmlaterne von Petromax, über www.petromax.de

Goldrausch. Whisky mit Gewürzen und Apfelaroma von Yukon Jack, z. B. über www.rumundco.de

Lautetreter. Schnürschuhe von Dries van Noten, über www.driesvannoten.be

Endlose Highways. Erst seit etwas mehr als 50 Jahren gibt es eine Straße von Dawson City in den Süden. In den 1950er-Jahren wurde der Klondike Highway in die 535 Kilometer entfernt liegende Territorialhauptstadt Whitehorse fertiggestellt. Zuvor musste alles, was Dawson brauchte, mit dem Schaufelraddampfer über den Yukon transportiert oder eingeflogen werden. Dawson City war bis 1953 Hauptstadt des Yukon, dann wurde Whitehorse Regierungssitz.
Der „Top of the World Highway“ führt von Dawson Richtung Westen zur Grenze zum US-Bundesstaat Alaska, die 95 Kilometer entfernt ist. Im Winter ist dieser Highway unpassierbar und geschlossen. 1979 wurde der Dempster Highway eröffnet, der in das 800 Kilometer entfernte Inuvik im Mackenzie-Delta führt, das bereits in den benachbarten Nordwest-Territorien liegt.

Menschenleere Weiten. Die Fahrt in den Norden geht durch endlose boreale Wälder, bevor diese in die Tundra übergehen. Grizzlybären, Wölfe, Woodland- und Barrenground-Karibus bevölkern den Yukon, hoch im Norden an der Eismeerküste auch Mochusochsen und Eisbären. Acht Gemeinden gibt es im 482.000 Quadratkilometer großen Yukon (Deutschland: 357.000), das sich von der Grenze British Columbias über 1000 Kilometer bis zur Eismeerküste erstreckt und nur 33.000 Einwohner hat. Davon leben 23.000 in Whitehorse. Yukon ist das kleinste der drei arktischen Territorien Kanadas (neben Nunavut und den Nordwest-Territorien). Bis vor wenigen Jahren hieß das Gebiet Yukon-Territorium, jetzt wird es offiziell nur noch als Yukon bezeichnet. Ob man sagt, man lebe „im Yukon“ oder „in Yukon“, darüber debattieren die Einheimischen. Das Wort stammt aus der Sprache der Gwichin-Indianer (Tr’ondek Hwech’in) und heißt „Großer Fluss“. 340 Angehörige des Volkes wohnen in der Stadt. Mittelpunkt ihres Lebens ist das Kulturzentrum „Dänojà Zho Cultural Centre” direkt am Yukon.

Anreise. Seit einigen Jahren fliegt die Fluggesellschaft Condor von Mai bis Oktober direkt von Frankfurt nach Whitehorse, was die Zahl deutscher Touristen am Yukon und Klondike nach oben schießen ließ. Whitehorse wird innerkanadisch von Air Canada und Air North angeflogen. Dawson City wird nur von Air North bedient.

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