Berlin: Feiern bis zum Mittagessen

Berlin glaubt an sich selbt und hat den Mut, nur das zu tun, was spass macht. Die neuesten Trends an der Spree sind der Drang nach oben – Clubbings auf Dachterrassen – und ein boomender kunstmarkt.

(c) AP (OLIVER MULTHAUP)

Hoch hinaus, möglichst weit oben schlafen und feiern ist zurzeit der Trend in Berlin. Zum Beispiel am Alexanderplatz: Hier fällt neben dem Fernsehturm auch das Park Inn Hotel mit seinen 37 Stockwerken ins Auge. Hier zu nächtigen ist zwar wesentlich teurer als in einer Marzahner Pension am Stadtrand, aber der Ausblick über die Stadt ist sein Geld wert. Empfehlenswert sind vor allem die Eckzimmer, die einen Ausblick in zwei Richtungen garantieren. Wer ein Zimmer gen Osten erwischt, kann an den Wochenenden schräg gegenüber eine feuchtfröhliche Gesellschaft auf dem Dach feiern sehen: Der „Weekend–Club“ im zwölften Stock des ehemaligen „Haus des Reisens“ der DDR hat sich bis zur Dachterrasse ausgebreitet. Unermüdlich katapultiert der Fahrstuhl in den Nächten die Partygäste nach oben. Vor sieben Uhr morgens kommt kaum einer mehr herunter, denn auch das ist der Trend: Feiern bis zum Mittagessen.

Der Weekend–Club mit internationalen DJ-Stars hat auch im Westen der Stadt, was die Gunst der Höhenluft betrifft, zahlreiche Nachahmer. So gibt es in der Nähe des Potsdamer Platz das „40 Seconds“, das immerhin im achten Stock zum Tanzen einlädt. Und im „Solar Club“ am Anhalter Bahnhof werden Cocktails mit Ausblick aus dem 16. Stock serviert. Lounge-Töne schläfern ein illustres Volk ein, das sich auf den Sitzmöbeln amüsiert oder mediterrane Küche goutiert, draußen leuchtet keine drei Kilometer entfernt das Europa-Center, ein hässlicher Hochhauskomplex an der Gedächtniskirche.

Auch hier ist vor kurzem im 20. Stock das Nachtleben eingezogen, eine schicke Lounge namens „Puro“, in der auch Berlins regierender Partybürgermeister Klaus Wowereit öfters vorbeischaut. So holt der Westen der Stadt langsam auf, was das Berliner Nachtleben betrifft. Zwar toben sich die Unter-30-Jährigen in der Mehrzahl immer noch in den angesagten Clubs in den Bezirken Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg aus, doch wer in die Jahre kommt, wohnt nicht nur ganz gerne in bürgerlichen Bezirken wie Charlottenburg, sondern feiert auch gleich dort. Und so teilt sich die Stadt mittlerweile nicht mehr nach dem politischen System, sondern nach dem Alter.

Das gilt auch fürs Shopping

In den Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain im Ostteil Berlins tummeln sich vor allem Läden mit junger, trendiger Mode, und im Westen, etwa in den kleinen Nebenstraßen rund um den Ku’damm, kaufen eher die Älteren ein. Was nicht zuletzt daran liegt, dass man sich mit Mitte zwanzig nicht unbedingt Prada oder Gucci leisten kann und will. Eine der ganz heißen Shoppingstraßen ist zurzeit die Mulackstraße im Bezirk Mitte. Dort übertrumpfen sich Berliner Designer in ihren Boutiquen mit eigenwilligen Outfits, die sich mittlerweile weltweit und besonders in Japan gut verkaufen. Das Label „Starstyling“ etwa hat in Tokio gleich ein Dutzend Boutiquen, die seine mit Glanzfasern bedruckte Sweatshirtmode verkauft.

Die Newcomer

Andrea van Reimersdahl schräg gegenüber arbeitet mit Siebdruck und verkauft ihre Kleider und T–Shirts vorzugsweise in europäischen Museumsshops. Nähen kann sie nicht, Entwerfen fällt ihr schwer und Marketing ist auch nicht ihr Ding. Dennoch gehört Andrea van Reimersdahl in der deutschen Modeszene zu den erfolgreichen Newcomern. Eigentlich hat die 35-Jährige bildende Kunst studiert, war am Royal College of Art in London und hat ihren Abschluss an der Kunsthochschule Weißensee gemacht. „Während des Studiums kam ich auf die Idee, meine Siebdrucke nicht nur auf Leinwand, sondern auch auf T-Shirts zu drucken.“ Das war auf Anhieb ein Erfolg. Freunde wollten die tragbare Kunst, dann Freunde der Freunde. Die Idee verselbständigte sich.

Van Reimersdahl möchte die Grenze zwischen Kunst und Mode überwinden. So zeigt sie in ihrem Schauraum auch provokantes Design: quallenartige Mode aus durchsichtigen Stoffen, Ziehharmonika-Stiefel oder Armeejacken mit Rüschenfutter. Im Gegensatz zu van Reimersdahl verlassen viele Nachwuchstalente spätestens bei ihrem ersten festen Job die Pfade des Ungewöhnlichen und entwerfen, was verlangt wird. Auch van Reimersdahl hat da ihre Erfahrung gemacht. So sollte sie für Prada eine Kollektion bemalen. Sie probierte es aus, schmiss den Auftrag aber bald wieder. „Es hat nicht funktioniert“, sagt sie ohne Reue. „Kunst kommt aus dem Bauch, da geht nichts auf Abruf. „Und die perfekten Schnitte haben mich irritiert.“ Das wäre kein typischer van Reimersdahl geworden.

Der Glaube an sich selbst und der Mut, nur das zu tun, was einem gefällt, ist in Berlin keine Seltenheit.
Günstigen Mieten und einer toleranten, weltoffenen Bevölkerung ist es zu verdanken, dass die Stadt derzeit eine der kreativsten weltweit ist. Das zeigt sich auch in den über 400 Galerien, die Berlin zum begehrten Einkaufsziel vieler Kunsthändler und Sammler machen.

Hotspot der Kunstinteressierten ist das Galerienviertel zwischen Oranienburger Tor und Alexanderplatz in Mitte. Dort gibt es nicht nur die neuen deutschen Realisten à la Neo Rauch zu bewundern, sondern auch Installationen, Kunst aus Wollfäden, Blumenkunst. Seit Jahresbeginn zeigen der niederländische Galerist Geer Pouls und der japanische Blumenkünstler Takayuki in ihrer Galerie „Brutto Gusto“ ausgewählte Blumen der Saison. Dazu eine erlesene und breite Auswahl aktueller und moderner Gefäße in Glas und Stein. Ergänzt wird das Programm durch Werke niederländischer, deutscher und amerikanischer Künstler. Angesichts der Kunst an Wänden und Gefäßen erscheinen Rosen oder Ackergewächse wie Mangold oder Radieschen im Blumentopf in ganz neuem Licht.

Weitab vom Kunstgetümmel in Mitte arbeitet Paul Reimert an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg. Jeden Morgen um zehn Uhr sperrt Reimert sein Atelier auf und schaut, was ihm die Nachbarschaft wieder vor die Tür gestellt hat.

Kistenweise stapelt sich an manchen Tagen altes Porzellan. Die Leute wissen, dass Reimert damit fantastische Dinge anstellt. Zum Beispiel ein Mosaik des „Alten Fritz“, Kaiser Friedrich II., nur mit knallroten Stiefeln bekleidet. Oder eine 1,75 Meter große Katzenfrau. Das kommt an, Reiner kann mittlerweile von Auftragsarbeiten leben. Auch das Innenleben seiner Figuren stammt von der Straße. Aus Wasserrohren, Styroporverpackungen und sonstigen Metallresten baut er das Skelett. Darüber eine Haut aus Porzellan- und Keramikscherben, zusammengeklebt mit einer Klebepistole. Die Figuren wirken perfekt und elegant.

Vorbilder von Reimert sind die Skulpturen und Mosaike der Antike und der Renaissance, des Kubismus und Surrealismus, aber auch die Pop-Künstler Niki de Saint-Phalle, Edward Kienholz und Jeff Koons. Tagsüber darf man Reimert in seinem Atelier am südlichen Spreeufer gern stören. Und natürlich etwas kaufen. Billig sind seine Skulpturen nicht: Eine mittelgroße Büste kostet 1000 Euro, ein Fritz mit roten Stiefeln das Fünffache.

Abhängen beim Badeschiff. Wer nach einem Besuch bei Reimert ein Bad in der Spree nehmen möchte, kann das ganz in der Nähe tun. Das „Badeschiff“ liegt am Spreeufer vor Anker und dient im Sommer als Pool. Das Wasser kommt natürlich nicht wirklich aus dem Fluss, die Innenwände des Schiffes wurden mit blauer Schwimmbad–Folie eingekleidet. An sonnigen Tagen räkelt sich Szenepublikum mit Kind und Kegel auf den Stegen und am Sandstrand vor dem Schiff. An manchen Tagen ist es so voll, dass man Schlange stehen muss. Aber vielleicht ist das bald nicht mehr nötig: Das hofft jedenfalls Ralf Steeg, der die Spree wieder schwimmtauglich machen will.

Der Berliner Landschaftsarchitekt und Umweltplaner entwickelte ein System von Auffangbecken, die verhindern sollen, dass weiterhin ungeklärtes Abwasser in die Spree gelangt. Das passiert immer dann, wenn die Kläranlagen der Stadt nach starkem Regen überlastet sind. Diese Abwässer würden aufgefangen und den Kläranlagen zugeführt, wenn diese wieder Kapazitäten frei haben. Der Berliner Senat steht der Idee wohlwollend gegenüber, bei der Finanzierung hapert es allerdings noch. Schwimmen in der Spree – nach über 80 Jahren Badeverbot wäre das eine Sensation.

Wohin, wenn in Berlin
SchlafenPark Inn Hotel am Alexanderplatz: ab DZ 140 Euro. Pension 11. Himmel: DZ 26 Euro. Q!: preisgekröntes Designerhotel, DZ 162 Euro. Arte Hotel Luise, Berlin Mitte, von Künstlern gestaltet.
Ausgehen In der Club-Szene rund um die Oberbaumbrücke, die Kreuzberg mit Friedrichshain verbindet: Watergate, einer der angesagtesten Clubs (House, Drum’n’ Bass), Publikum ab 30 (Falckensteinstr. 49, Kreuzberg, U-Bahn: Schlesisches Tor, Matrix: Publikum unter 25, drei Dancefloors, (Warschauer Platz 18, Friedrichshain, S-/U-Bahn: Warschauer Straße). Narva-Lounge: schicker Club mit wechselndem Programm, Turnschuhverbot (Warschauer Platz 18, Berlin-Friedrichshain, S-/U-Bahn: Warschauer Straße). Hoppetosse: Schiff bei der Oberbaumbrücke, Tanzen und Speisen (Eichenstr. 4, Treptow)
Feiern mit AussichtWeekend: Alexanderplatz 5, Mitte (U-/S-Bahn: Alexanderplatz). Solar Club: Cocktails & feines Essen für das Partyvolk (Stresemannstr. 76, Kreuzberg, S-Bahn Anhalter Bahnhof). Puro: neuer Amüsiertempel der Westberliner Schickeria im Europa-Center in Charlottenburg (Tauentzienstr. 11, Charlottenburg, U-Bahn Wittenbergplatz).
ShoppenJunge Mode zwischen Rosenthaler und Alter Schönhauser Straße, immer mehr auch in der Brunnenstraße in Mitte sowie in der Kastanienallee im Bezirk Prenzlauer Berg. Starstyling (Mulackstr. 4, U-Bahn Rosenthaler Platz). Andrea van Reimersdahl: Mulack-/Ecke Gormannstr). Wer es gediegener mag, wird in den Nebenstraßen rund um den Ku’damm fündig.
KunstBrutto Gusto, Gartenstr. 1, Mitte (U-Bahn Rosenthaler Platz). Atelier Paul Reimert: Falckensteinstr. 45 (Kreuzberg, Tel. +49(0)30/612 51 73).
RelaxenYi-Spa, ultracooles Day-Spa mitten im Zentrum, Monbijouplatz 3a, Mitte, +49(0)30/44 02 38 31.

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