Mitten in Europa: Zu Besuch in einem Slum

Im Zentrum Belgrads steht die Elendssiedlung Gazela. Ein Lokalaugenschein in Buchform.

„Das Wesentliche an einem Slum ist nicht die Armut, nicht die Gewalt, nicht die Arbeitslosigkeit, nicht der Verfall. Das Wesentliche eines Slums ist seine Unsichtbarkeit. Der Slum ist nebenan, aber man sieht ihn nicht.“ Karl-Markus Gauß hat auf seinen Reisen zu slowakischen Roma-Siedlungen („Die Hundeesser von Svinia“) sehr genau hingeschaut. Fündig geworden wäre er freilich auch in anderen Teilen Europas. Etwa in Serbien. In der Hauptstadt Belgrad gibt es an die 150 Roma-Siedlungen, die die Bezeichnung „Slums“ verdienen.

Die prominenteste ist wohl „Gazela“ – benannt nach der Autobahnbrücke über die Sava, die neben bzw. über der Siedlung verläuft. Die Feststellung Gauß' trifft voll zu: Das Elendsquartier liegt ganz nahe der historischen Altstadt, sie ist auch von der Eisenbahn-Hauptstrecke gut sichtbar. Doch kennen tut die Siedlung kaum jemand. Drei Österreicher wollten das ändern: Lorenz Aggermann, Eduard Freudmann und Can Gülcü haben nach Besuchen und Interviews einen Reiseführer zu dieser „Destination“ verfasst – ein Mittelding aus Kunstprojekt und sozialanthroplogischer Forschung.

Gegliedert in der Art eines herkömmlichen Reiseführers wurden viele Informationen über die Siedlung und deren Bewohner – rund 1000 Menschen in 212 Haushalten – zusammengetragen. Im Abschnitt „Geschichte“ erfährt man, dass Gazela eine junge Siedlung ist. Nach dem Tod Titos trieb die Wirtschaftskrise 1983 die Ärmsten der Armen in die Großstädte. Die anhaltende Stagnation im ländlichen Serbien und zuletzt der Kosovo-Krieg trieben weitere Roma in die Städte. Es entstanden viele „Provisorien“ – die ungebremst weiter wachsen.

Gazela befindet sich auf dem „Blok 18a“ benannten Teil von „Novi Beograd“ – jener Neubausiedlung, die die Kommunisten zu einem Pracht-Stadtteil ausbauen wollten, dies aber nicht zu Ende bringen konnten. In unmittelbarer Nähe zu Gazela stehen internationale Luxushotels und die Beograd Arena, ein riesiger Saal, in dem kürzlich der Eurovisions-Songcontest stattfand.

Im Kapitel „Wohnen“ erfährt man, unter welchen Umständen die Menschen leben. So gibt es keine (offizielle) Strom- und Wasserversorgung, keine Abwasser-Entsorgung. Die Bewohner leben vor allem vom Sammeln und Verwerten von Abfall. Die „Fauna“ wird von Hunden und Katzen dominiert, aber auch von unzähligen Ratten, Mäusen und Kakerlaken – vor Feiertagen auch von Truthähnen und Gänsen. Erschütternd sind die Angaben im Kapitel „Gesundheit“: Wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse und der miserablen Luftgüte gibt es häufig Magen- und Darmkrankheiten sowie Schleimhautentzündungen, die ohne Behandlung chronisch werden.

Das Areal zählt wegen der zentralen Lage zu den wertvollsten Grundstücken Belgrads, alle Umsiedlungs-Versuche sind bisher fehlgeschlagen. Verbesserungen der Infrastruktur sind illusorisch, die Behörden sehen das als ersten Schritt zu einer Legalisierung.

Was an dem Gazela-Projekt, das nun in Buchform erschienen ist, Kunst ist, darüber kann man streiten. Hehre Wissenschaft ist es sicher nicht. Positiv ist, dass diese Debatte auch in das Buch aufgenommen wurde – als Transkript einer Diskussion anlässlich einer Präsentation des Projekts. ku

 

Lorenz Aggermann, Eduard Freudmann, Can Gülcü
Beograd Gazela: Reiseführer in eine Elendssiedlung
224 S., brosch., 19,80 Euro (Drava Verlag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2008)

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