Indien: Ein halbstarkes Kamel, drei Buben und die Wüste

Mit Kindern auf Kamelen durch die Wüste Thar? Ja, warum denn nicht?

(c) EPA (Raed Qutena)

Wenn Kamele rennen, schweben sie. Einer ihrer Füße ist dabei immer auf dem Boden, es ist fast ein Gleiten über die Dünen der Wüste Thar im Nordwesten Indiens nahe der pakistanischen Grenze. Sonnenaufgang. Der Wind hat Wellen in den Sand gezeichnet. Im Spiel zwischen Licht und Schatten wirkt die Wüste optisch tiefer. Der Horizont ist eine klare Linie zwischen dunkler Erde und orange-violettem Firmament, vor dem kraftvoll der Feuerball aufsteigt.

Die Nächte sind kalt. Die Kamelführer haben aber Decken mitgebracht, die zwar nach Kamel stinken, aber warm sind. Die Kamelreiter haben das Nachtlager zwischen den Sanddünen aufgeschlagen.

Kamelführer Armin Khan leitet die kleine Gruppe: jüngere Kamelführer, Kamele und Touristen. Darunter auch ein Kindertrio: Ein halbstarkes fünfjähriges Kamel, auf dem ein sechsjähriger Junge aus Deutschland reitet, gezügelt von dem zwölfjährigen Kamelführer. Die junge Generation versteht sich auf Anhieb. Ganz ohne Worte. Fürs Frühstück sammeln sie dünne Äste von den spärlich gesäten, vertrockneten Büschen, Futter für ein kleines Feuer. Auch bei der Zubereitung des Ciabatta-Teigs helfen die Kinderhände, zum Brot gibt's Eier und Marmelade.

 

Wüstenfüchse und Antilopen

Der Sechsjährige ist begeistert, seine Augen leuchten, immer und überall will er einen Tag länger bleiben. Gemeinsam mit seinem neuen Freund, Kamelführer Suhai Singh, hockt er auf dem Höcker und lernt, den Zügel zu führen, das Kamel hinlegen oder losrennen zu lassen. Wenn die Kinder mucksmäuschenstill wie die Wüste werden, haben sie andere Tiere entdeckt: Wüstenfüchse oder Antilopen. Und plötzlich weichen sie aus mit ihrem Kamel. Die Buben haben eine unterarmlange Echse entdeckt und halten respektvollen Abstand. „Nicht näher ran!“, sagt Khan.

Abends am Lagerfeuer. Zeit für Lieder und Geschichten. Die jüngeren trommeln, klatschen und tanzen, Armin Kahn erzählt von seinen drei Töchtern. Lieber hätte er Söhne – nur Buben können Kamelführer werden und die Altersversorgung der Eltern sichern. Für Töchter heißt es Mitgift zahlen, eine Familie mit drei Töchtern ist praktisch pleite. So investiert der 25-Jährige in gute Kamele.

Kahn zeigt stolz auf den Nasenringschmuck seines Leittieres. „Er hat den ersten Platz von Rajasthan gewonnen, ein sehr gutes Kamel.“ Bei den Rennen kommt es nicht nur aufs Tempo, sondern auch auf den Gleichlauf an. Jedes Rennkamel trägt ein Glas Milch auf dem Sattel, kein Schluck darf verloren gehen. So skurril ihr Aussehen, so gelenkig sind die Wüstenschiffe. Zum Fressen strecken sie, auf dem Bauch liegend, den Hals flach auf dem Boden aus. „20.000 Rupien“, weniger als 400 Euro, „kostet ein gutes Kamel“, erklärt Khan. Für ihn ein Vermögen.

Früher war die Gegend um die 70 Kilometer entfernt liegende Stadt Jaisalmer wohlhabend. Die Karawanen transportierten Gewürze, Edelsteine, Seide und Opium durch die Wüste Thar nach Afghanistan und Zentralasien. Heute führt die ehemalige Handelsstraße am Atomtestgelände bei Pokaran vorbei. Die „verfeindeten Brüder“ Indien und Pakistan haben seit ihrer Unabhängigkeit 1947 drei Kriege gegeneinander geführt, Kaschmir und Nuklearwaffen gehören noch immer zu den Kernfragen der Auseinandersetzung.

Der hinduistische Kameltreiber Khan hebt zu diesem Thema abwehrend die Hand. „Kein Problem“, sagt er kurz. Er rastet und tränkt seine Tiere in Siedlungen seiner Religionszugehörigkeit genauso wie in moslemischen Dörfern. Die Grenzlinie stehe hier außer Streit.

Kamele rennen nicht immer. Wenn es am späten Vormittag heißer wird, bringt sie kaum etwas aus der Ruhe, gemütlich schaukeln sie im Schritttempo dahin. In der flirrenden Mittagshitze halten wir Ausschau nach dem wenigen Schatten neben Gestrüpp oder Kakteen. Erst gibt es noch etwas zu essen, scharfe Bohnenpaste mit Reis, dann heißt es Tee schlürfen und ein Nickerchen halten. Nur gelegentlich grunzt, röhrt und rülpst eines der Kamele, ansonsten Stille.

Nach drei Tagen in der Einsamkeit bringt uns ein Jeep zurück in das Fort von Jaisalmer. Zurück im Alltag Indiens, Menschenmassen, Gedränge, Basare, prächtige Paläste, bröckelnde Wohnbauten, offene Kabelstränge an den Häusern. Der grellbunte Overkill an Menschen, Turbanen, Saris, Skulpturen, Tempeln und Neonreklamen stumpft irgendwann ab. Höchste Zeit für eine Woche baden an den Stränden von Goa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

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