Ich blogge, du bloggst, wir bloggen

Die Auswahl ist grenzenlos: Zum Stichwort „Reise Blog“ findet Google rund 4,6 Millionen Treffer. Für jede Subkategorie scheint es mittlerweile eigene Blogs zu geben.

Jo-igele.de, der Reise- und Erlebnisblog für Menschen im besten Alter
Jo-igele.de, der Reise- und Erlebnisblog für Menschen im besten Alter
Jo-igele.de, der Reise- und Erlebnisblog für Menschen im besten Alter – Screenshot/Jo-igele.de

Da ist Jo Igele, Jo-igele.de, der Reise- und Erlebnisblog für Menschen im besten Alter. Jeanette Fuchs bloggt für Flashpacker auf Follow-your-trolley.com. Die digitalen Nomaden Steffi und Sebastian bloggen über Arbeit und Reisen auf Arbeiten-unterwegs.de, der Motorradfahrer Erik Peters bloggt über Motorradreisen auf Motorradreisender.de. Und die Radreise durch Afrika von Fabian Nawrath lässt sich auf Africabybike.de/wordpress nachlesen.

Gäste von Kreuzfahrten haben anscheinend ein ganz besonders großes Bedürfnis, sich digital mitzuteilen, genannt sei hier stellvertretend Millisglashaus.blogspot.de. Sogar mit Baby kann man reisen und auch noch bloggen, Julia Malchow macht es auf Juliamalchow.de vor und ist damit, wow, auch schon ins Fernsehen gekommen.

Natürlich gibt es bei einer derartigen Masse an digitalen Ergüssen eine breite Qualitätsspanne. Nicht wenige Reiseblogger fühlen sich als Reisetester, die zu jeder unterwegs gereichten Zitronenlimo einen Kommentar abgeben müssen. Auf der anderen Seite stehen hervorragend gemachte und professionell betriebene Reiseblogs wie Justtravelous.com von Yvonne Zagermann aus Berlin, deren zweisprachiger Blog auch Videos bietet und schon einige Preise gewonnen hat. Als freiberufliche Fernsehredakteurin arbeitet Zagermann schon seit mehr als zehn Jahren mit Fernsehsendern zusammen und produziert Imagefilme für Hotels und Airlines. Sie ist Mitbegründerin des Reiseblogger-Kollektivs.

Unabhängigkeitskodex

Jürgen Drensek, Ehrenpräsident der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten: „Wie so oft hinken wir auch beim Reisebloggen dem angelsächsischen Raum hinterher. Das liegt auch an der Sprache Deutsch, die im international geprägten Internet nur eine begrenzte Reichweite hat“, sagt Drensek. Relevante Reiseblogs seien alle auf Englisch und haben eine signifikantere Verbreitung. „Blogs sprechen eher eine qualitative Zielgruppe an und sind ein Nischenprodukt. Dort können sie sehr erfolgreich wirken.“ So erfolgreich, dass einige Blogger von Verlagen zu Büchern ermuntert wurden, etwa Christine Neder mit ihrem Buch „90 Nächte, 90 Betten“, in dem sie von einem Couchsurfing-Experiment berichtete. Oder Daniela Konefke, die „Einmal im Leben mutig sein“ im Verlag Kern Bayreuth veröffentlichte.

Bleibt das Thema Glaubwürdigkeit. Wenn Hotels oder Airlines den Bloggern, die ja sonst wenig Einnahmen erzielen, die Reise sponsern, kommt schnell der Verdacht auf, dass hier indirekt Werbung geschaltet wird. Einige Reiseblogs haben sich daher einen Kodex auferlegt, in dem sie Objektivität und Unabhängigkeit schwören. Drensek ist hier noch skeptisch: „Ein Kodex ist ja zunächst einmal ein Papier. Und es sind ja weniger als zehn deutsche Reiseblogs, die sich explizit auf diesen Kodex verpflichtet haben. Inhaltlich ist er nicht zu beanstanden. Ich bezweifle jedoch entschieden die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Blogger“. Gerade Blogger, die kein Medienunternehmen im Rücken haben, seien anfällig für wirtschaftliche Verknüpfung mit jenen, über die sie berichten. „Nach unserer Beobachtung wird eine klare Trennung zwischen völlig unabhängigem Output und abgesprochenen und bezahlten Inhalten fast nirgendwo sauber vollzogen“, lautet sein Fazit.

Dies sieht Janett Schindler (Teilzeitreisender.de) anders: „Die Gefahr der Schleichwerbung bei professionellen Reisebloggern ist relativ gering. Natürlich gehen wir Kooperationen ein, anders ist so ein kosten- und zeitintensives Hobby ja gar nicht zu finanzieren, die meisten halten sich aber an den Reiseblogger-Kodex.“ Schindler schätzt, dass bis zu 80 Prozent der Reiseblogger in anderen Jobs arbeiten. „Die meisten Reiseblogger verdienen ihr Geld mit Sponsored Posts, Werbung, E-Books, Beratung, Vorträgen, Schulungen für Blogger und Kampagnen mit Werbepartnern.“ In den letzten Jahren sei ein Qualitätsschub bei den Reiseblogs festzustellen gewesen. „Das fängt schon damit an, dass viele Reiseblogger ihre Texte und Bilder selbst hosten und Geld für Layout und Domain in die Hand nehmen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2014)

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