Paris: Springschnur statt Bleifuß

Paris macht wieder einmal das, was es am besten kann: etwas Neues. Zum Beispiel aus einer Schnellstraße an der Seine eine Fußgängerzone mit Freizeit-Infrastruktur.

Berges de Seine
Berges de Seine
Berges de Seine – Imago

Wer die Fahrt mit dem Radl nach Rio noch immer für eine Strapaz hält, der war in letzter Zeit nicht mit dem Auto in Paris. Um ein volles Drittel wurde der Autoverkehr dort seit der Jahrtausendwende reduziert. Straßenraum, der noch vor Kurzem dem motorisierten Verkehr vorbehalten war, wird unerbittlich Stück für Stück Fußgängern und Radfahrern zur Verfügung gestellt.

Wer von Staus und endloser Parkplatzsuche frustriert ist, kann ja auf Öffis oder Fahrrad umsteigen. Bürgermeisterin Anne Hidalgo – seit April 2014 in Amt und Würden – setzt diese Politik ihres schillernden Vorgängers Bertrand Delanoë nahtlos fort und hat im vergangen Juni die neu gestalteten Berges de Seine (zu Deutsch: Seine-Böschung) eröffnet: ein gut zwei Kilometer langes Stück Straße direkt am linken Seine-Ufer, das unter ein paar der prächtigsten Pariser Brücken hindurchführt.

Diese „Böschung“ im Herzen der Stadt – bis vor Kurzem eine der schönsten Autorouten der Welt, wenn man die Nerven hatte, die Aussicht zu genießen – war ein typisches Relikt der Kfz-fixierten 1960er-Jahre. Damals wollte man auch ernsthaft aus dem Canal Saint Martin eine Stadtautobahn und aus dem angrenzenden Marais einen gigantischen Parkplatz machen.

Dieser nach Benzin stinkende Kelch ist an Paris vorübergegangen, die Zeiten hätten sich nicht radikaler wandeln können: Unter einem Prestigeprojekt versteht man heute ziemlich genau das Gegenteil von damals, nämlich Verkehrsberuhigung bzw. -verbannung, wo immer es irgendwie geht. Ein bisschen unfertig wirkt sie noch, die neue Fußgängerböschung, die sich die Stadt immerhin 35 Millionen Euro hat kosten lassen: Der Asphaltbelag sieht eigentlich nicht anders aus als vorher, ein paar Kanthölzer liegen herum, einige Schuttmulden warten offenbar auf den dazupassenden Kipper, alle paar Meter steht ein grauer Baucontainer in der Gegend. Die Pariser scheint das nicht zu stören, sogar an windigen Wintertagen wimmelt es am Seine-Ufer von Passanten.

Die neuen „Berges“

Dass sie dabei keineswegs eine Baustelle besichtigen, sieht man erst auf den zweiten Blick: Der Baustellen-Look ist nichts anderes als eine pfiffige Design-Idee, die Schaulustigen wiederum sind keine Flaneure, sondern im Regelfall sehr zielstrebige Menschen. Denn wenn man hier natürlich auch einfach so spazieren gehen kann, dienen die neuen „Berges“ doch vor allem als schmaler, aber langer Freiluft-Sportplatz für Bewegungshungrige, und nebenbei, wie könnte es in Paris anders sein, als Versuchslabor für neue Spielarten urbaner Lebenskunst. Dem Besucher, der etwa am Pont des Invalides die Stufen zur Seine hinuntersteigt, offenbart sich ein dementsprechend abwechslungsreiches Bild.

Eine Stützmauer unter der Brücke ist zur Kletterwand umfunktioniert worden, auf den Asphalt wurde eine Hundert-Meter-Bahn gepinselt. Es gibt Klangduschen, Lichtinstallationen, einen schwimmenden Garten. Fest im Boden verankerte Spieltische laden zu einer Runde Halma oder Backgammon ein, Family-Tennisschläger baumeln von Ständern. Die Kanthölzer entpuppen sich bei näherer Betrachtung als bequeme Sitzbänke, die vermeintlichen Schuttmulden als originelle Tischtennistische. Natürlich darf Vélib nicht fehlen, das schickste Radverleihsystem des Planeten, das hier auch Leihräder für Kinder anbietet – eigentlich eine naheliegende Idee, auf die außerhalb von Paris aber noch niemand gekommen ist.

Das Beste aber sind die Container im Baustellen-Look, bei denen es sich eigentlich um Übersee-Frachtcontainer handelt. Diese offiziell Zzz genannten Freiräume am Wasser kann man nämlich über ein Internetformular mieten: um Kindergeburtstage zu feiern, eine Runde Schach zu spielen oder einfach eine gepflegte Siestastunde mit Seine-Blick zu verbüseln.

Crêpes aus Containern

In manchen Containern gibt es Crêpes und Getränke, bei anderen treffen sich Gruppen, die per Web-Formular einen Sportkurs gebucht haben. Die Laufbahn auf dem Asphalt ist schließlich nicht bloße Deko, sondern wird tatsächlich eifrig genützt. Gleich daneben wird im Kreis Springschnur gesprungen, gedehnt oder der Körper sonst wie kultiviert.

Muss man sich angesichts der vielen Mülltrennungsstationen, fröhlichen Radfahrer und brav schwitzenden Fitnessfanatiker Sorgen machen, Paris könnte sportlich-spießig geworden sein? Nein. Die Offenheit, mit der hier Neues begrüßt und auch ausprobiert wird, gehört seit jeher zum Pariser Lebensgefühl. Und auch die Großstadtpoesie kommt nicht zu kurz, wie jeder feststellen wird, der bei einer der Klangduschen unter einer Brücke stehen bleibt und Kindern zuschaut, die gerade Tretroller-Choreografien einüben.

Es wäre außerdem nicht Paris, würde dieser neue Lebensraum nicht auch kulinarisch einiges hergeben: Die edle Brasserie Le Faust etwa, ein ehemaliges Speichergebäude unter dem Pont Alexandre III, zählt derzeit zu den angesagtesten Adressen der Stadt. Gemütlicher und deutlich preiswerter geht es im direkt am Wasser gelegenen Rosa Bonheur zu, von dessen Terrasse aus betrachtet die sportliche Uferböschung noch einiges an Reiz gewinnt. Ähnlich gut ist auch Le Quai gelegen, gleich beim Musée d'Orsay bzw. direkt darunter.

Beim Quai Conti ist man am Ende der „Berge“ angelangt, erst beim langsamen Erklimmen des gewohnten Straßenniveaus wird einem bewusst, wie herrlich die verkehrslärmfreie Stille dort unten am Wasser war. Gut, dass es gleich nach der nächsten Brücke eine Stiege gibt, die einen wieder hinunterbringt, wenn auch „nur“ zu einem ganz normalen Fußgängerweg. Etwas weiter flussaufwärts gibt es am gegenüberliegenden Ufer noch ein gutes Stück der alten Pariser Ufer-Schnellstraße, auf der der Verkehr dahinrollt wie eh und je. Benzinfetischisten sollten sich das noch schnell geben, bevor auch dort die Family-Tennisanlagen installiert werden.

lesberges.paris.fr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2015)

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