EWHO: Autorenpop aus Addition

Seit 20 Jahren setzt das Erste Wiener Heimorgelorchester Töne, klaubt Worte und vertont eigene oder von anderen verfasste Lyrik.

Quartett. Erstes Wiener Heimorgelorchester: Jürgen Plank, Florian Wisser, Thomas Pfeffer, Daniel Wisser (v. l.).
Quartett. Erstes Wiener Heimorgelorchester: Jürgen Plank, Florian Wisser, Thomas Pfeffer, Daniel Wisser (v. l.).
Quartett. Erstes Wiener Heimorgelorchester: Jürgen Plank, Florian Wisser, Thomas Pfeffer, Daniel Wisser (v. l.). – (c) Katharina Roßboth

Schön eines nach dem anderen. Ton für Ton. Wort für Wort. Sorgsames Auffädeln am methodischen Faden. So werden Songs, so werden Gedichte. Und aus ihnen manchmal wieder Lieder – zumindest, wenn man es mit den Ursprüngen der Lyrik ganz genau nehmen würde. Im semantischen und musikalischen Selbstverständnis des Ersten Wiener Heimorgelorchesters (EWHO) folgen auf „Obermayer“ auch mal „Untermayer, Vordermaier, Hintermaier“ (im Lied „Vier Fußballer“). Oder auf „Käseleberkäse“ sehr oft „Käseleberkäse“, dazwischen einmal „No Oregano“ und „Esse keine Kresse“, Hauptsache strenges Metrum. Die Lieder des EWHO sind längst fertig, bevor seine Mitglieder im Proberaum ihre Heimorgeln einstöpseln, um sie zu vertonen. In der Bibliothek könnten sie auch zwischen Christian Morgensterns avantgardistischen Gedichten und dem „Sprachbastelbuch“ stehen. Vor allem jetzt: Denn das EWHO hat tatsächlich ein Buch aus seinen gesammelten Texten gemacht. Nach 20 Jahren als Heimorgler war es nicht nur Zeit für eine neue CD („Happy Lamento“) und ein Jubiläumskonzert, sondern auch dafür, die ganze Begleitmusik einmal konsequent zu substrahieren: Im Lyrikband „Widerstand ist Ohm“ (mit diesem Lied hat das EWHO 2009 den Protestsongcontest von FM4 gewonnen) tönen die Wörter und die Methode, die sie zu Texten zusammenfügt, gleich noch einmal klarer.

Prinzipientreu. Der Popsong braucht zumindest „an Ton“, behauptet das EWHO im Popsong „Anton“ („Denn sonst wird es monoton“, singen sie). Thomas Pfeffer, Daniel Wisser, Jürgen Plank und Florian Wisser machen es im Grunde auch nicht anders als konventionelle Popbands: Sie reihen Töne und Wörter aneinander, und sie machen gern Lieder über Lieder („Ich bin das Lied, das du schon kennst“) – „Popsongs sind ja häufig selbstreferenziell“, sagt Jürgen Plank. Okay, sie spielen ausschließlich auf Heimorgeln. Vielleicht verstehen sie deshalb manche außenstehende Betrachter mehr als Kunstprojekt denn als Popband. Auch eventuell, weil sie Wörter singen, die man eher auf Einkaufszetteln als in Popsongs vermuten würde. Wenn sie etwa wie auf der neuen CD das „Wurst-Käs-Szenario“ endzeitlich beschwören: „Stell dir vor, die Straßen sind leer, es gibt nur Krakauer und Camembert.“

Das EWHO pflegt seit 20 Jahren die fein säuberliche Wiederholung und die semantische Häufung von charmanten Absurditäten: „Ein häufiges Gestaltungsprinzip unserer Texte ist die Aufzählung oder die Auflistung“, sagt Daniel Wisser. Lyrik, konzeptgetränkt, frei von narrativen Spannungsbögen. „Den meisten Songs liegt eine Methode zugrunde“, erklärt Florian Wisser. Aber auch der Hang zu verspielten Wortklauberein: Da werden konventionalisierte Morphemfolgen durcheinandergepflügt, auch kleinste Textbausteine kreativ fein geschliffen und vor allem auch der Reim hochgehalten. „Irgendwie gehört das Feilen an der Sprache auch zum Handwerk dazu“, meint Thomas Pfeffer. Wenn der Song ohnehin nur drei Minuten lang ist, könne man sich schon ein wenig Mühe machen. „Aber es ist natürlich auch Teil des Spiels, schöne Reime zu finden“, sagt Pfeffer. Gern auch solche, die die These widerlegen, dass alles schon einmal gereimt wurde. „Wir tragen noch Perucken, die furchterlich jucken, die Zahne haben Lucken, es gibt noch keine Brucken“ – solche Zeilen hat man noch selten gehört oder gelesen, schließlich werden im Lied „Ütopie“ die Ü-, Ö- und Ä-Stricherln überhaupt erst eingefordert. Im „Lied traurig“ klingen die Reime hingegen so: „Tränen viele, nicht gezählt, Anruf einer, nur verwählt“.

Vertonungskünstler. Vor 20 Jahren haben die Musiker und Autoren zum ersten Mal ihre Heimorgeln herausgekramt, aus Kellern oder Kinderzimmern. Heute behaupten sie noch frech, als Motto der Jubiläumsshow im Wiener Brut im Konzerthaus (am 23. 4.): „Wir haben die Orgeln nur von unseren Kindern geborgt.“ Nur Thomas Pfeffer begann tatsächlich mit einer Dauerleihgabe seiner Tochter Rosa. Jürgen Plank erinnert sich: „Einen Tag nach dem ersten Treffen mit den Heimorgeln hatten wir schon unseren ersten Auftritt.“ Pfeffer glaubt noch zu wissen, wo das Orchester gedanklich gegründet wurde: „Es muss damals im ‚Miles Smiles‘ gewesen sein.“ Bis heute haben sie sich einiges zusammengereimt, was sie auf einem Haufen Heimorgeln, auf eBay ersteigert, auf Flohmärkten entdeckt, auf nunmehr sieben CDs vertont haben.

Der Autor des Lyrikbandes „Widerstand ist Ohm“ ist das EWHO, doch das Kollektiv dahinter steckt selbst voller Autoren: Thomas Pfeffer schreibt Gedichte, singt sie auch, wenn er gemeinsam mit Florian Wisser und Martina Zimmer durch die Wirtshaushinterzimmer Wiens als Pfeffer & Konsorten tingelt. Jürgen Plank schreibt auch, „was so anfällt“: literarisch, feuilletonistisch, journalistisch. Und Daniel Wisser hat schon einmal beim Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb gelesen, schreibt Gedichte und Prosa, zuletzt ist der Roman „Ein weißer Elefant“ im Klever Verlag erschienen.

Doch ihre liebsten Autoren sind sie nicht immer selbst. Auch die Lyrik von „hochverehrten Autoren“, wie sie sagen, unterlegt das EWHO mit dem Sound aus dem Plastikgehäuse. Diese Tradition begann, „als wir Ronnie Urini kennengelernt hatten“, erzählt Daniel Wisser. Urini war Held des Wiener Rock-Undergrounds und sang das Gedicht von Konrad Bayer „Niemand hilft mir“. „Wir haben das Lied nachgespielt und Ronnie Urini gebeten, es für uns zu singen“, sagt Wisser. Auf dem letzten Album „Ütopie“ liehen sich die Heimorgler einen Text des deutschen Autors Ror Wolf: „Das nordamerikanische Herumliegen“. Für die neue CD, „Happy Lamento“, wiederum haben Andreas Okopenko („Ich liebe nur meinen Siamkater“), Pia Hierzegger („Kurz“) und Barbi Markovic „Sämtliche Depressionen“ mit Worten beigetragen. Und diese seien jenen des EWHO nicht ganz fremd. „Vor allem auch in ihrem additiven Anordnungsprinzip.“

(c) Beigestellt

Tipp

„Widerstand ist Ohm“. Gesammelte Lyrik, Erstes Wiener Heimorgelorchester. Das EWHO-Buch mit sämtlichen Texten aus 20 Jahren.

„Happy Lamento“. Die neue CD des EWHO.
Konzerte. Jubiläumskonzert am 23. 4. im Brut im Künstlerhaus, am 25. 4. im Café Mocca.

 

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