Ikaria: Wo der Bäcker über Chomsky diskutiert

Lokalaugenschein auf einer kleinen Insel, auf die einst tausende Linke verbannt wurden. Und heute noch tickt ihre Bevölkerung etwas anders als das Festlandsgriechenland.

Ikaria
Ikaria
Ikaria – Imago

Auf Ikaria gingen die Uhren anders, hatten die Freunde in Athen behauptet. Sie haben recht behalten. „Kommst du rauf nach Raches?“, fragt Angelos per SMS. Na klar, wir haben ja einen Termin. Klar aber auch, dass ich nicht pünktlich sein werde – es gibt einfach zu viele schöne Orte auf Ikaria, denen man ein wenig mehr Zeit schenken will. Was der Ikariote gern anerkennt, daher fragt er nicht nach dem Wann, sondern nur nach dem Ob.

„Ach, die übertreiben doch immer, die Athener“, sagt Angelos Kalokerinos. Dort hatte es geheißen, auf Ikaria öffneten die Geschäfte erst spätabends, dafür schlössen sie erst morgens. „So viel anders als sonstwo auf den Inseln ist es bei uns auch nicht. Nur, dass wir hier, vor allem in Raches, noch immer erst auf den Feldern, in den Weinbergen oder mit den Tieren arbeiten“, sagt der Berg- und Wanderführer. „Dann müssen wir erst einmal etwas essen, deswegen haben wir erst später Zeit, Besorgungen zu machen.“

Raches ist eine Gemeinde aus einigen Dörfern und Siedlungen im westlichen Drittel der Insel. Hauptort ist das Dorf Raches, das eigentlich Christos Rachon heißt. Die beiden anderen Drittel tragen die Namen ihrer größten Orte, Aghios Kyrikos und Evdilos, beides Hafenstädte, Erstere das ganze Jahr, hier legt die tägliche Fähre aus Samos an. Fähre ist fast schon übertrieben, das Schinakl kann gerade einmal einen Kleintransporter an Bord nehmen, ein paar Motorroller und zwei, drei Dutzend Passagiere. Den Rest des Decks füllt man mit allem, was auf der Insel so gebraucht wird. Auch ein Häufchen Touristen findet sich hin und wieder an Deck, nie sind es zu viele, was den Ikariern aber nur recht ist, die blicken jetzt schon, Anfang Juni, sorgenvoll auf den Sommer, wenn die Athener die Insel heimsuchen.

Dabei hat selbst die Tourismusgemeinde Armenistis an der Nordküste weniger Gästezimmer als ein durchschnittliches All-inclusive-Resort an der türkischen Küste gegenüber. Publikumsliebling ist der Ort wegen seines kilometerlangen, hellen Sandstrands. Anfang Juni sieht man hier kaum Badegäste, trotzdem sind die beiden Beach Bars schon geöffnet. „Jetzt ist es noch wirklich schön. Aber im August? Total überlaufen!“ Maria führt das Bensáo, eines der beiden Lokale am Strand. Die weiße Baracke ist liebevoll ausgestattet, ein luftiges Tarnnetz sorgt für Schatten auf der Terrasse. „Nein, die vielen Leute im Lokal stören mich nicht. Dafür die Camper in der Hochsaison am Strand. Die machen zu viel Müll!“ Die Besucher vom Festland sind hier nicht gar so gern gesehen.

 

Fest in kommunistischer Hand

Dabei ist auch Maria vor zwei Jahren von dort nach Ikaria gekommen. In Attika aufgewachsen, beschlossen sie und ihr Freund, auf die Insel ihrer Vorfahren zu ziehen. „Man macht sich hier weniger Sorgen. Das Leben ist einfacher, vor allem aber genießen wir die Freiheit hier!“ Die beiden haben sich zum Zeichen ihres Neubeginns tätowieren lassen: „Libertad“ steht auf ihren Unterarmen. Die Anspielung auf Kuba kommt nicht von ungefähr. Die Insel ist fest in kommunistischer Hand, die KP stellt alle drei Bürgermeister Ikarias, nur der letzte Gouverneur war ein Rechter: ein Sozialist. Der Fauxpas wurde mittlerweile behoben. „Und dass beim Referendum alle mit Ochi, Nein, gestimmt haben, ist eh klar“, erklärt mir Angelos nach der Abstimmung am Telefon. „Wegen der langen Transportwege ist auf den Inseln alles teurer als auf dem Festland. Und dann vergönnt uns die Troika nicht einmal die reduzierte Mehrwertsteuer auf den Inseln“, nennt er nur einen der vielen Gründe, mit den Diktaten aus Berlinüssel unzufrieden zu sein.

Nach dem Arbeitstag am Strand steht Maria mit ihrem Freund, einem Schmuckdesigner, in der gemeinsamen Boutique in Evdilos. Von Arbeitszeiten wie in Europa kann man hier nur träumen. Evdilos ist das Jahr über ein verschlafener Hafen mit 780 Einwohnern. Doch ab Juni, wenn eine richtig große Fähre den Linienverkehr mit Athen aufnimmt, werkt man fast rund um die Uhr – und stellt Aghios Kyrikos wieder in den Schatten.

 

Aufstand gegen die Türken

Zwischen den beiden Städten herrscht seit der Abschüttelung des osmanischen Jochs eine historische Rivalität um die Hauptstadt. Der Arzt Joannis Malachias hatte, nach Absprache mit seinem Freund, dem griechischstämmigen osmanischen Effendi, einen Aufstand der Ikarioten inszeniert, um dem Anschluss an Italiens Kolonie im Dodekanes nach deren Sieg über die türkische Flotte zu entgehen. Die Revolte war erfolgreich, Ikaria frei. Die Insel ersuchte nun Athen, im jungen Königreich Griechenland aufgenommen zu werden. Man entsprach dem Wunsch, ein umgehend abkommandierter Leutnant zur See lief mit seinem Kanonenboot in Evdilos ein und übergab feierlich die Staatsfahne.

Was die Freunde aus Aghios Kyrikos nicht hinnehmen wollten, ihre Stadt sei die wahre Hauptstadt. So nahm der Leutnant die Fahne wieder an sich, fuhr um die Insel herum, wollte das Zeremoniell dort wiederholen – wurde aber zu wichtigeren Aufgaben in die Dardanellen abkommandiert.

 

Anschluss an Österreich?

Frei, aber alleingelassen, rief man im Juli 1912 den Freistaat Elefthera Politeia Ikaria aus. Der Anschluss an Griechenland erfolgte per Staatsvertrag Jahre später. „Dass der Staatsvertrag nach hundert Jahren zu erneuern oder zu kündigen gewesen wäre,“, sagt Angelos, „haben alle vergessen. Außer einem österreichischen Stammgast und einer Boulevardzeitung gleichen Namens, die daraufhin den Gouverneur angerufen hat. Der war von der Idee eines Anschlusses an Österreich angeblich begeistert, was ihn letztlich seinen Job gekostet hat!“ Aber, wie gesagt, der war ein Rechter, und keiner hier weint ihm eine Träne nach.

Weshalb weiß Angelos so genau Bescheid? „Ich habe Anthony Papalas von der University of Chicago geholfen, die Geschichte Ikarias zu schreiben.“ Angelos dissertierte in mittelalterlicher Geschichte. Dass er auf Ikaria landete, dankt er seiner Frau. Vor zwanzig Jahren, als das erste Kind unterwegs war, wollte sie nicht mehr in Athen leben. „Hat deine Familie nicht Land auf Ikaria? Ziehen wir doch auf die Insel, bevor du den Rest deines Lebens in der Kanzlei sitzt und ich zwischen Kindergarten und Uni hin und her hetze.“ Kanzlei? „Ja, eigentlich bin ich Jurist. Wir haben alles verkauft, mein Partner in der TV-Produktion hat mir den gesamten Gewinn ausgezahlt, und wir sind mit Sack und Pack abgereist, alles in und auf einem Auto!“

 

Verbannung für 13.000 Linke

Angelos' Geschichte klingt einzigartig, ist aber symptomatisch für Ikaria. Der Bäcker in Aghios Kyrikos diskutiert mit einem Kunden, der auf frische Pita wartet, über Chomskys generative Transformationsgrammatik. Der Fischer und Wirt in Trapalo, dem entlegensten Ort der Insel, zu dem nur eine abenteuerliche, in die Steilküste gehauene Schotterpiste führt, unterhält sich mit dem einzigen Gast des Ortes und mir über die Konsequenzen der rot-blauen Koalition im Burgenland. Die Idee der Militärdiktatoren nach dem Bürgerkrieg, 13.000 Linke nach Ikaria zu verbannen, weil ihre versponnenen Vorstellungen bei der „primitiven“ Inselbevölkerung keinen fruchtbaren Boden finden würden, war offenbar doch nicht so gut durchdacht. Apropos fruchtbar: Obwohl das augenfälligste Merkmal der Insel die kahlen Granitbrocken und scharfkantigen Schieferformationen sind, ist sie doch unglaublich grün und wasserreich. Bis auf Weizen wächst hier alles – Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte das ganze Jahr, kein Abhang ist zu steil, um nicht ein paar bewirtschaftete Terrassen zu tragen. Dazwischen grasen Ziegen und Schafe, sogar Kühe fühlen sich wohl. Und natürlich die Weinreben: Mit dem „Pramneion“ hat schon Circe Odysseus' Gefährten in Schlummer versetzt. Auf diese Tradition beruft sich Nikos Afianes in Profitis Ilias. In Lagen zwischen 600 und 1000 Metern stehen seine Rebstöcke der Sorten Fokianos und Begleri, deren Früchte er von modern bis ultraorthodox keltert und ausbaut.

 

Langlebige Ikarioten

Aus der blauen Fokianos produziert er im Stahltank den klassischen, trockenen roten Icarus, in Eiche gereift sowie einen beeindruckend körperreichen Rosé-Schaumwein. Und natürlich den bernsteinfarbenen Likörwein Tama, der bei der International Wine Challenge in London unter 11.000 eingereichten Weinen den vierten Platz belegte. Auch der weiße Begleri rangiert in Robert Parkers Rankings regelmäßig weit vorn.

Doch heute gilt Afianes' ganze Aufmerksamkeit jenen Weinen, die in mächtigen tönernen Amphoren in der Erde reifen, ganz so wie der legendäre Pramneion. „Ich glaube, eine der Ursachen für die Langlebigkeit der Ikarioten, über die in letzter Zeit so viel geschrieben wird und die uns das übertriebene Interesse der Athener beschert hat, findet man im Wein. Der muss seine Wurzeln durch den Granit weit hinuntertreiben, bis zu dreißig Meter tief. Aber man muss auch so leben wie die Ikarioten: viel gehen, wenig Stress, natürliche Lebensmittel aus der unmittelbaren Umgebung, so schaut das Rezept aus!“

Stress kommt dann aber doch noch auf. Nikos' Handy läutet. „Entaxi“, in Ordnung, sagt er, „ich komme.“ Es war seine Angestellte, es tue ihr leid, aber sie müsse jetzt streiken. Herr Afianes muss also los, in sein Geschäft, er ist nämlich der Apotheker. Er hat Verständnis für den Streik, erklärt mir schnell noch das griechische Gesundheitssystem und die mikrobiologischen Zusammenhänge der natürlichen Gärung in der Amphore. Mich wundert's nicht mehr, dass er so viel weiß. Nicht einmal die Weinbauern auf Ikaria tun's unter wenigstens einem akademischen Titel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2015)

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