Whisky on Icebergs für kleine Shackletons

Expeditionskreuzfahrten boomen, die Nachfrage steigt. Weil die meisten Expeditionsschiffe relativ klein sind, müssen die Reedereien neue bestellen. Doch in vielen deutschen Werften kommt es zu Wartezeiten, weil sie neuerdings Chinesen gehören, die zuerst für ihre eigenen Flotten Expeditionsschiffe bauen.

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Es war die schönste Reise meines Lebens“, schwärmt die weißhaarige Lady an der Reling und meint damit ihre Expeditionskreuzfahrt in die Antarktis. „Wir waren im Schlauchboot unterwegs, haben den Motor abgestellt, und plötzlich taucht vor uns eine riesige Walnase auf!“ Der Meeressäuger verschwand wieder, und die Bootsbesatzung, ein Crew-Mitglied und ein Dutzend abenteuerlustiger Passagiere, fragte sich: Was macht der jetzt da unten? „Und dann kam auf einmal statt der Nase ein untertassengroßes Auge! Der Wal hatte gewendet, weil er sehen wollte, wer wir sind!“

Stoff, aus dem die Träume von Abenteuerurlaubern sind. Expeditionskreuzfahrten sind die Krönung einer zivilen Salzwasserkarriere als Passagier. Keine Expedition im eigentlichen Sinne, denn man weiß vorher, was man in etwa zu sehen bekommt. Und wer glaubt, die Reisenden, die mit Wal und See-Elefant auf Du und Du sind, hätten dabei entbehrungsreiche Wochen hinter sich, der irrt.

First-Class-Standards

Expeditionskreuzfahrten sind teuer – schon deswegen erwarten die Passagiere einen gewissen Standard, der selten unter das First-Class-Niveau abrutscht. Nur die Atmosphäre an Bord ist eine andere. Lockerer. Näher an der Mannschaft. Das rührt zum einen von den gemeinsamen Ausflügen her, denn das Besatzungsmitglied, das am Ruder des Expeditionsschlauchbootes steht, ist rechtlich gesehen ein Kapitän, und der ist weisungsbefugt. Da kann es statt „Möchten Sie noch ein Gläschen Wein?“ aus dem Munde des Stewards auch mal heißen: „Hinsetzen!“ Denn Sicherheit geht vor.

Zum andern rücken zwischen den Roaring Forties und den Screaming Sixties, den berüchtigten stürmischen Breitengraden südlich des Kap Hoorn, die Passagiere an der Reling unwillkürlich enger zusammen, entwickeln eine „Jetzt sind wir auf uns allein gestellt“-Mentalität und fühlen sich wie weiland Polarforscher Ernest Shackleton. Die klassischen „Extremfahrtgebiete“ sind die beiden großen Eisregionen Grönland und die Antarktis sowie der gesamte, rund 4400 Kilometer messende Flusslauf des Amazonas.

Die beiden Letzteren haben ihre ureigenen Anforderungen. Auf dem Weißen Kontinent dürfen nur 100 Passagiere gleichzeitig an Land gehen, um die Umweltvorschriften einzuhalten. Der Amazonas kann bis Manaus mit Schiffen fast jeder Größe befahren werden – je mehr Passagiere mitreisen, desto unattraktiver sind die Landgänge in den kleinen Dörfern. Oberhalb von Manaus kommen nur noch kleine Schiffe weiter, die genügend Frischwasser an Bord haben, denn es gibt keine Möglichkeit zum Nachtanken. Das Schiff braucht robuste Großschlauchboote, wie sie Jacques Cousteau einst für das Eis der Antarktis entwickelt hat, die ohne Weg und Steg landen können.

Ein Rheinländer als Pionier

Die Standards für Reisen dieser Art wurden Ende der 1970er-Jahre gesetzt. Damals waren gerade einmal zwei veritable Passagierschiffe mit eisverstärktem Rumpf unterwegs, die Lindblad Explorer und die World Discoverer. Beide standen wechselweise unter dem Kommando eines abenteuerlustigen Rheinländers: Kapitän Raimund Krüger wurde zum Pionier, der auf dem Amazonas notfalls tragbare Echolote in Schlauchboote packte, wenn man die Wassertiefe eines Seitenarms nicht genau kannte. 1981 übernahm Krüger das Kommando über die neu gebaute Astor. Erstmals wurde ein Schiff mit über 500 Passagieren mit Motorschlauchbooten ausgestattet. Krüger zeigte, dass man auch den Gästen auf Schiffen dieser Größenordnung nicht nur mehr Meer, sondern auch mehr Land bieten kann.

So erlebten 1983 über 500 Reisende eine Ausbootung auf der damals streng verbotenen Forschungsinsel Jan Mayen, ein Deal zwischen Krüger und der Forschungscrew, wobei dem Vernehmen nach eine gigantische Kiste schottischen Whiskys eine Rolle gespielt haben soll. Seltsamerweise kam Grönland erst Mitte der 1990er-Jahre in Mode. Ein „Erbe“ der durch Krüger ausgelösten Entwicklungen dürfte sein, dass auch die heutige MS Europa mit rund 500 Passagieren ihre exotischen Ziele durch Zodiac-Ausflüge aufpeppt.

Schiffe dieser Größenordnung werden seltener. Drei- und Vier-Sterne-Cruiser zwischen 400 und 1000 Passagieren haben Zukunftssorgen: Zu klein für die große Bespaßungsmaschinerie, zu groß für wirklich exotische Routen. Zu teuer für den kleinen Mann, nicht luxuriös genug für jene, die richtig viel zahlen. Die Schere öffnet sich: Riesige Mega-Liner bieten Platz für alle, die aufs Budget achten müssen. Seit einigen Wochen gibt es auf der anderen Seite die Antwort: Noch nie wurden so viele Expeditions-Cruiser in so kurzer Zeit bestellt. Die Platzhirsche Hapag-Lloyd Cruises und Hurtigruten bekommen kräftig Konkurrenz.

Gern würde auch das Hamburger Unternehmen seine gut gepflegten Oldies MS Hanseatic und MS Bremen durch zwei aufeinander abgestimmte Neubauten ersetzen. Nur hat Genting Hongkong Ltd. nicht nur die Nobel-Reederei Crystal Cruises übernommen und ihr ein beeindruckendes Neubau-Programm verordnet, das auch Expeditionsschiffe mit eigenen Hubschraubern umfassen soll, sondern auch gleich zum Großangriff auf europäische Werften geblasen: Bremerhaven, Wismar, Stralsund, Warnemünde – alles fest in chinesischer Hand. Und zuerst einmal baut man für die eigene Flotte, ehe die begehrten Werftplätze für andere, gar für den direkten Mitbewerber, bereitstehen. Die französische Reederei Ponant, die sich seit 2010 mit vier stylischen Jachten à 260 Passagiere im Expeditionsbereich etabliert hat, wendet sich daher mit der Bestellung weiterer vier Expedionsschiffe an eine norwegische Tochter ihrer italienischen Hauswerft Fincantieri.

Die Nachfrage steigt

Die Flusskreuzfahrt-Reederei Scenic betritt mit dem Hochseegeschäft Neuland, bestellt auch gleich vier Expeditionsschiffe und weicht auf eine kroatische Werft aus – ebenfalls ohne Erfahrung im Kreuzfahrtbereich. Hier soll zu zwei bordeigenen Hubschraubern, die einen Teil der Aufgabe der Schlauchboote übernehmen, auch noch ein Ausflugs-U-Boot hinzukommen.

Auslastungsprobleme dürfte es auch dann nicht geben, wenn ab 2018 all diese Neubauten in Dienst gestellt werden, denn erst 20 neue Expeditionsschiffe erreichen die Bettenkapazität eines Mega-Liners. Außerdem tun sich im Norden neue Ziele auf: Musste man noch vor zehn Jahren befürchten, auf der legendären Nordwestpassage im Eis stecken zu bleiben, hat inzwischen der Klimawandel seine Schuldigkeit getan. Erste Anbieter wagen sich auch in die Nordostpassage – gleiches Ziel, nämlich die Meerenge zwischen Ostsibirien und Alaska, andere Richtung. Rund um das riesige Russland führt der Seeweg, der in 80 Jahren ganzjährig eisfrei sein wird. Schon spekulieren Verwegene über Kreuzfahrten zum Nordpol, die mit Eisbrechern heute schon möglich sind.

Wer es sich leisten kann, gewöhnt sich schnell an das Reisen im kleinen Kreis. Ein Wissenschaftlerteam gehört zu solchen Reisen, Professoren von Universitäten ebenso wie populärwissenschaftliche Lektoren, zum Teil aus dem Fernsehen bekannt, etwa Arved Fuchs, der auf Hurtigrutens Fram 2016/17 in der Antarktis dabei sein wird. Sie begleiten die Ausflüge und laden täglich zu wissenschaftlichen Vorträgen – auf pompöse Abendunterhaltung kann verzichtet werden. Die kleinen Shackletons gehen vom großen Weltwissen nahtlos zum Whisky auf hunderttausend Jahre altem Gletschereis über. Das knackt so schön, wenn es schmilzt. Und wer wegen der Eisberge noch titanische Bedenken hat, fragt noch einmal Altmeister Raimund Krüger: „Der Eisberg tut Ihnen nichts! Denn der Eisberg hat keinen Motor, und er hat keinen Kapitän, der Fehler machen kann!“

SUCHEN UND BUCHEN – TOP TEN DER ANBIETER VON EXPEDITIONSKREUZFAHRTEN

Hapag-Lloyd Cruises: Zwei der vier Schiffe des Hamburger Kreuzfahrt-Gründers sind eistauglich: Hanseatic (fünf Sterne) und Bremen (vier Sterne). Beide haben rund ums Jahr außergewöhnliche Routen und gute Lektoren. hl-cruises.de

Hurtigruten: Die norwegische Postschifflinie hat 2016/17 zahlreiche neue Ziele für die eistaugliche Fram, Midnatsol und die nagelneue Spitsbergen im Programm, neben West-, Nord und Ostgrönland und Spitzbergen auch Kanada, im Winter die Antarktis. Infos & Buchungen: ruefa.at; hurtigruten.de

Oceanwide Expeditions: Anti-Rutschmatten auf dem Tisch und fahles Neonlicht zählen nicht gegen intensive Entdeckungen an Land mit erstklassigen Lektoren. oceanwide-expeditions.com

Polar-Kreuzfahrten: kleiner deutscher Veranstalter mit großer Auswahl an Routen (Grönland, Franz-Josef-Land, Nordwestpassage, Spitzbergen, Antarktis, Kanada) auf wirklich kleinen Schiffen (z. B . Cape Race, max. zwölf Passagiere). polar-kreuzfahrten.de

Ponant: Vier stylische Jachten mit je 260 Betten und französischem Savoir-vivre sind bereits unterwegs, vier werden noch folgen. http://de.ponant.com

Poseidon Expeditions: Echter und echt kerniger Expeditionsveranstalter ohne Kompromisse inklusive Eisbrecherreise zum Nordpol. poseidonexpeditions.com

Quark Expeditions: Mit dem russischen Eisbrecher Kapitan Khlebnikow hat Quark das robusteste Schiff, Komfort steht im Hintergrund. Dafür gibt's Hubschrauber für Landausflüge. quarkexpeditions.com

Silversea: Vier Expeditionsschiffe auf höchstem Niveau. silversea.com/de

G-Adventures: Schiff mit nur 58 Kabinen, 360°-Lounge & Lonely-Planet-Bibliothek. gadventures.com

Plantours: 450 Passagiere auf der Hamburg sind nicht mehr Expedition, aber es gibt mehrfach prämierte ungewöhnliche Routen & Schlauchbootausflüge. plantours-partner.de kooperiert mit „National Geographic“,

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