Finnland: Sonnenbaden um Mitternacht

Nicht die naheliegendste Badedestination, aber eine originelle und sehenswerte: Finnen frequentieren Kalajoki am bottnischen Meerbusen, wo der Strand immer breiter wird.

Kalajoki
Kalajoki
Kalajoki – Instagram (enny_karoliina)

Einmal im Leben den Präsidenten nackt sehen – gar nicht so schwierig. Zumindest nicht in Finnland 1962. Paula Kärjä ist acht Jahre alt und strampelt mit ihrer Freundin Leena auf ihrem Fahrrad zum Campingplatz am Strand, so dicht wie möglich zur Sauna, von der ein langer Steg ins Meer führt: Präsident Urho Kekkonen hat seinen Besuch an Kalajokis Sandstrand angekündigt. Tatsächlich öffnet sich bald die Saunatür, und der durchtrainierte Mann (Kekkonen war finnischer Hochsprungmeister, und selbst 100-Gramm-Schwankungen hielt er in seinem Gewichtsprotokoll fest) läuft über den Steg ins Meer, während die Mädchen in zehn, 15 Metern Entfernung kichernd danebenstehen. Der Besuch des Langzeitpräsidenten ist aber nicht nur für die Kinder ein Ausnahmeereignis – er markiert auch den Anfang des Tourismusbooms in Kalajoki.

Der 12.000-Seelen-Ort liegt am Bottnischen Meerbusen, 550 Kilometer nördlich von Helsinki, eine Stunde südlich von Oulu, der nördlichsten Großstadt der EU. Finnische Riviera nennen die sonst so bescheidenen Finnen Kalajoki auch, seinen Titel und seinen Status als beliebtester Ferienort im Land verdankt er seinen kilometerlangen Sandstränden. Ihnen setzte in den 1970ern sogar der Musiker Tapani Kansa mit „Kalajoen hiekat“ („Kalajokis Sandstrände“), seiner Version von „California Dreaming“, ein Denkmal. Ein Traum für die Touristiker sind heute vor allem die Zahlen: 1,5 Millionen Gäste zählte der Ort allein 2014. Zieht man die zwei Prozent internationale Besucher ab, ist das immer noch fast ein Drittel der finnischen Gesamtbevölkerung.

20-Meter-Dünen

Dabei verirrten sich bis zu Kekkonens Besuch nur wenigen Touristen vor allem aus Lappland hierher – um im einzigen Hotel am Strand abzusteigen: 1937 hatte Hilma, eine resolute Frau mit Backtalent, ihr Hotel eröffnet. Auf einer Anhöhe vor der Sonnenterrasse machten ihre grasenden Kühe das Idyll perfekt: Auf der einen Seite in silberne Flechten gebettete Tannen- und Birkenwälder, auf der anderen der Blick über die 20 Meter hohen Dünen. Dahinter unendlicher und unberührter weißer Sandstrand, und über allem der herbe, wilde Geruch nach Gras und Salz. Am Horizont die Ostsee und, nur unweit vom Ufer, ein paar dahingewürfelte lehmrote Holzhütten auf einer kleinen Insel.

Kiosk mit Krapfen

Eine davon gehörte Oskari Kärjä, Paulas Urgroßvater. Ein Fischer, der auch das erste touristische Unternehmen an dem fast vier Kilometer langen Strand betrieb: einen Kiosk, ein Bretterverschlag, dessen Seitenwände als Verkaufstresen dienten und wo man die Auswahl zwischen exakt drei Sachen hatte: Selbst gemachter Limonade, gebackenen „nisut“ (Hefegebäck) und „possut“, einer Art eckiger Krapfen, was direkt übersetzt Ferkel bedeutet. Den Rest der Zeit verbrachte Kärjä mit seiner Familie auf der 100 Meter breiten Insel Keskuskari. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Dafür mit Ruderboot: Wer auf die Insel wollte, musste laut rufen, damit ihn einer abholte. Von hier beobachtete man die Strandbühne gegenüber, die sich zusehends veränderte. In den 1950ern flanierten die Damen in Badekostümen und mit Sonnenschirm, dann tauchten die ersten im Bikini auf, abends wurde das blasenförmige Lokal Merikupla zur Tanz- und Kennenlernbörse.

Aber wo anno dazumal getanzt wurde, wird heute getankt: an einer Tankstelle mit 24/7-Supermarkt. Wo die Kühe von Hilma geweidet haben, befinden sich Campingplatz und Abenteuerpark. Tanzen kann man in einem der Nachtclubs am Strand, und der Wind trägt die schiefen Töne der Karaokesänger auf die Insel. Auch die finnische Passion für Autorennen hat auf einer Gokartbahn seine Nische gefunden. Das Sani Fani ist das älteste Vergnügungsbad im Land, aber vor allem im Sommer immer noch in Hochbetrieb. Ein Stück weiter treiben Reiter ihre Pferde beim Trabrennen an. Fast jeden Abend ist ein berühmter Schlagersänger zu Gast, man wirbt mit Kanu, Karaoke und Grillwurst im Sonnenuntergang.

Aber seit der internationalen Baumesse 2014 ragt ein künstlicher Meerausläufer in das Strandgebiet, ein berühmter Eishockeyspieler hat sich in einem der am Ufer hochgezogenen Kataloghäuser einquartiert. Baukräne schieben sich ins Bild, in den nächsten zehn Jahren soll sich die Bettenkapazität verdoppeln, nachdem sie sich in der vergangenen Dekade schon verdreifacht hat. „Arbeitsplätze schaffen!“, sagt Bürgermeister Jukka Puoskari. Noch macht Kalajoki als zweitgrößter Produzent im Land Geld mit Erdäpfeln, einem Sägewerk und einer Nerzfarm. Aber die Russen fallen wegen der Sanktionen als Käufer weg, die (Forst-)Wirtschaft ächzt ohnehin, die Arbeitslosenzahl steigt. Deshalb hofft der Bürgermeister, dass mehr Touristen aus der Krise helfen.

Starke Verlandung

Nur, dabei wird schöngeredet, was nicht mehr so schön ist, aber Kalajoki ausmacht: der unberührte Strand. Man muss nicht erst Luftbilder aus den vergangenen Jahrzehnten sehen, um zu bemerken, dass die Sandflächen schnell schrumpfen und das Meer verlandet. Matti Kärjä, Oskaris Urenkel, der die Sommer auf der Inselhütte verbringt, zeigt auf die Birke zehn Meter vor der Tür, bis zu der früher das Wasser gereicht hat: Heute muss man 50, 60 Meter über den Strand spazieren, bis man nasse Füße bekommt.

Megaprojekt im Meer

Schuld daran sei die übermächtige Natur, sagt der Gemeindeoberste. Das flache Wasser, die Herbststürme, die das Meer aufwühlen, die vielen Möwen mit ihrem Kot. Schuld sei die Geldgier, der Tunnelblick auf den Tourismus, sagen die Inselbewohner, auch ökologische Kurzsichtigkeit: Statt Ruderbooten fahren jetzt Autos auf die Insel, die Inselspitze ist zum beliebten Ausblickspunkt geworden, von hier legen die Fähren zur tatsächlich noch fast unberührten Fischerinsel Maakalla ab. Tausende cruisen hier entlang. Das Problem: Die Brücke ist so klein, dass das Wasser nicht mehr frei fließen kann – mit Folgen für das ganze Areal. Früher warnte man die Kinder an der Stelle: Bloß nicht ins Wasser steigen – unberechenbare Strömungen rissen immer wieder Menschen in den Tod. Heute kann man genau hier im Wasser spazieren gehen, aber auch nur in dem schmalen Durchgang, der noch nicht zugewuchert ist.

Eine Lösung ist nicht in Sicht. Da aber natürlich auch die Stadtoberen wissen, dass ein unversehrter Strand Kalajokis Kapital ist, wird betont, dass Untersuchungen des Umweltamts wiederholt die gleichbleibende Wasserqualität belegen. „Wir müssen mit der Natur gehen und uns bei unseren Plänen nach ihr richten.“ Konkret heißt das: „Marina“ – ein gigantisches Bauprojekt, entworfen von einem internationalen Architektenteam, ein Domizil und Jachthafen für Superreiche. Als Erweiterung der Insel, auf der immer noch die Hütte der Kärjäs steht, auch wenn sie mittlerweile Strom und Wasser hat. Aber wenn „Marina“ es vom Papier aufs Land schaffen sollte, könnten die Inselbewohner ein Stück finnisches Lebensgewühl verlieren. Noch ist die Marina Vision und das Wasser laut Behörden sauber.

Pilze sammeln, am Platz sitzen

Man kann in bescheidenen Holzhütten übernachten, sich vom Möwengeschrei wecken lassen. Sich nachts um zwei in der Sonne bräunen. An der Stelle ins Wasser springen, an der Präsident Kekkonen später auch mit dem russischen Premier, Aleksei Kosygin, eine Saunapause einlegte. Bei Schlechtwetter Lachse angeln, wandern und sich dank Jedermannsrecht im Wald alles nehmen, was man findet: Heidelbeeren, Preiselbeeren, Pilze. Im Winter auf dem Schlitten die schneebedeckten Dünen herunterrutschen oder über das tiefgefrorene Meer langlaufen. Auf die Stille hören, die sich über den endlosen weißen Horizont breitet.

Dass dieses kleine Paradies im Ausland kaum bekannt ist, liegt an der Anbindung: Der nächste Flughafen in Oulu ist 130 Kilometer entfernt, der nächste Bahnhof in Ylivieska fast 40. Ohne eigenes Auto ist die Anreise schon eine Herausforderung. Aber auch daran arbeitet die Stadt. Und bis es so weit ist und ein Bahnhof Kalajoki mit dem Rest des Landes verbindet, kann man vielleicht an der Stelle, an der der Fluss ins Meer mündet, nach einem Tag am Strand über den „plassi“ flanieren. Denn auch das hat Kalajoki: einen historischen Ortskern mit alten Holzvillen, einen romantischen Platz, der vor lauter Sand und Marina in der Strategie untergegangen scheint.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2016)

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