Kuba: Uncle Mc ante portas

Was passiert nun auf der Zuckerrohr- und Tourismusinsel? Während viele Kubaner ehrlich um Fidel trauern, können es die anderen gar nicht erwarten, endlich die Amis und Exilkubaner ausnehmen zu dürfen.

Eine Fahrt durch Havanna, die Hauptstadt Kubas
Eine Fahrt durch Havanna, die Hauptstadt Kubas
Eine Fahrt durch Havanna, die Hauptstadt Kubas – Reuters (Alexandre Meneghini)

Roberto Melanese liegt flach, den Kopf müde auf den Arm gestützt. Denn der Rumtester in der 1838 von der Bacardi-Familie gegründeten Fabrik in Havanna ist benebelt durch die täglich zwei bis drei Liter an Flüssigem: Auf Kuba wird Rum selbst beim Testen nicht ausgespuckt, kostbarer schon gleich gar nicht. Auch Roberto Melaneses Heimat liegt flach. Doch jetzt, nach Fidels Tod, könnte sich Bahnbrechendes tun: Die Florida-Kubaner wollen aus ihrer alten ihre neue Heimat machen. Die Grundstücke der heutigen Hotelanlagen gehörten zu 80 Prozent ihnen. Es sind die sogenannten 1A-Lagen. Auch die daheim gebliebenen Kubaner sind auf dem Sprung: Allibert und Benz, Coke, Nokia und Sony heißen die verführerischen Marken, die noch schwer und nur sündhaft teuer zu haben sind. Jedes Produkt in einem Supermarkt, in dem man nur mit dem Konvertiblen Peso bezahlen kann, kostet deutlich mehr als in einem x-beliebigen Geschäft in Deutschland.

Die trutzige, 700 Meter breite Fortaleza an der Hafeneinfahrt Havannas wirkt uneinnehmbar wie eh und je seit dem 18. Jahrhundert. Das System aber, das an der Plaza de la Revolución im Regierungspalast vis-à-vis im Zentrum von Havanna aufrechterhalten wird, wackelt, ist brüchig und morbide wie der einstige Prachtboulevard von Havanna: Auf dem Malecón scheinen noch dieselben Häuser eingerüstet wie vor fünf, zehn, 20 Jahren. Getan hat sich am Malecón nichts – außer dass man neuerdings dort sogar Autostaus beobachten kann. Wer Freunde oder Verwandte in Florida hat, kann sich ein Auto leisten, denn seit 1993 sind Zahlungen von den Exilkubanern an die Leute auf der Insel erlaubt, ja sogar erwünscht.

Schuld sind natürlich die Amerikaner

Fragt man auf der Straße nach den Schuldigen für die kubanische Misere, bekommt man fast immer die Antwort: „Die Amerikaner natürlich.“ Und genau die werden nach der Ära Raùl Castro das Szepter in die Hand nehmen, und zwar mithilfe der Leute auf der Straße. Der Markt wird Kuba regulieren. Denn wenn die Wirtschaftsblockade fällt, werden sich die Regale füllen und die Menschen nach Jahren der Entbehrung den Konsum wählen. Uncle Sam ante portas bedeutet auch Uncle Mc vor der Tür. Dabei gibt es bereits eine Filiale auf der nur vermeintlich McDonald's-freien Insel: in Guantánamo, wo die Islamisten einsitzen.
„Meine Herren Imperialisten, wir haben absolut keine Angst vor euch!“, ruft auf dem vielleicht berühmtesten Propagandaschild Kubas ein Militär in olivgrüner Uniform übers Meer zum verärgerten Uncle Sam hinüber. Die 15 Meter breite Tafel, stadtauswärts nach dem Hotel Nacional de Cuba auf dem Malecón aufgestellt, wirkt fast schon wie eine Parodie. Denn Angst vor Cola, Pommes und texanischen Touristen hat auf Kuba niemand. Im Gegenteil: Vor den Hotels und Diskotheken der Urlauberzentren warten „Chicas“ auf eine Begleitung, die sie für einen Abend in die Luxus- und Glamourwelt entführt. Irgendwo auf dem Land ergattert ein Knirps einen Kugelschreiber und strahlt, als ob er das große Los gezogen hätte. An der Plaza Céspedes in Santiago de Cuba braucht der Fremde nicht unbedingt ein Taxi, sondern deutet einfach auf ein Motorrad. In null Komma nichts schleppt ein kleiner Bub den Fahrer an. Der Kundschafter verdient so ein paar Cent und der Chauffeur mindestens einen Dollar.

1,8 Millionen Urlauber, davon sind etwa zehn Prozent Deutsche, besuchen derzeit jährlich Kuba. Sie sind schon jetzt bestens bedient: mit komfortablen Hotels, Traumstränden davor und üppigen Buffets drinnen. Die Hotels werden durchwegs von Ausländern geführt, die sich zwar einmal im Monat mit dem Ortskader der KP treffen, sich aber im Management nichts dreinreden lassen. Und die neu errichteten Hotels sind schon für den US-Markt konzipiert: als All-Suites-Anlagen mit Golfplatz und Marina, Klimaanlage und behindertengerechten Zimmern, alles amerikanisch komfortabel und social correct. Der US-Reisebüro-Verband besuchte mit 160 Vertretern schon vor zwei Jahren das Land.

Roberto Melanese ist aufgestanden. Er wankt ein bisschen, beantwortet die Frage nach seinem Alter beiläufig mit „65“ und testet einen sieben Jahre alten Rum. Er schlürft, spült den Alkohol in seinem Mund, schluckt bedächtig und sagt dann unvermittelt und zufrieden: „Bis jetzt habe ich ja meine Tochter im Tourismus.“ Alina unterstützt ihn und die Familie, wie auf Kuba jeder Kofferträger den Arzt und jedes Zimmermädchen den Lehrer in der Familie unterstützt. Die Prämisse lautet überall: Einer muss in die Touristik. Aber Roberto reiht sich ein in die Schar derjenigen, die schon wissen, wie das Geschäft laufen wird, wenn Raùl abdankt und die Amis einfliegen. Den konservativen Exilkubanern werden zwar keine Chancen gegeben, politisch das Ruder zu übernehmen, aber ihre Finanzkraft ist willkommen. Sie sind schon jetzt mit ihren Überweisungen an Familienangehörige eine wichtige Säule im Land. Und ihr Kapital wird bald wohl noch reichlicher fließen.

Denn Raùl wird einlenken. Raùl ist kein Mythos, sondern nur der Bruder von einem Mythos. Die ersten amerikanischen Kuba-Touristen werden noch staunen über die letzten verbliebenen Legenden. Etwa einen 55er-Cadillac oder 58er-Pontiac, unter deren Motorhaube sich jede Menge Moskwitsch-Teile verbergen, über die Lieblingsbars von Hemingway, über die riesigen Konterfeis von Castro, Che und anderen Nationalhelden, über die morbide Pracht von Havanna, das afrikanische Flair einer Weltkulturerbestätte wie Trinidad oder eben die alte, dunkle Produktionsstätte von Bacardi.

Wird die nächste Touristenwelle nur noch über die schönen Strände staunen, die vielen Baustellen, die hübschen Girls, die uniformen Souvenirshops, die eiskalten Cuba libre, dreisten Taxifahrer und hohen Preise? Service hat schließlich seinen Preis. Wenn es so kommt, dann hätte sich Kuba touristisch in die Karibik integriert und würde wie so viele seiner langweiligen Nachbarn. Fidel rotiert dann vielleicht schon im Grab, während Roberto Melanese hinter einem piekfeinen Tresen steht und billigen Rum überteuert an Touristen verkauft.

KUBA IN DER HOCHSAISON

Anreise. Wien–Havanna–Wien mit KLM/AF via AMS/CDG ab ca. 560 €, Wien–Varadero–Wien via DUS mit Air Berlin ab 470 €.

Einreise. Österreicher benötigen für die Einreise einen mindestens noch sechs Monate gültigen Reisepass und eine Touristenkarte. Bei Pauschalreisen ist dieser Visumersatz in der Regel im Preis inklusive. Individualreisende sollten sich die Einreisekarte zu 27 Euro vorab besorgen, etwa in einem Reisebüro. Außerdem ist ein gültiger Krankenversicherungsschutz nachzuweisen.

Geld. Währung für Touristen ist der konvertible Peso, der allerdings nur in Kuba Gültigkeit hat. Für einen Euro bekommt man 1,07 Pesos. Auf Bargeldbeschaffung und Bezahlen mit gängigen Kreditkarten, die von europäischen Banken ausgegeben werden, ist nur in Havanna und Varadero Verlass. Auf dem Land sollte man stets ausreichend Bargeld mit sich führen. Achtung: keine American-Express- Karte oder Reiseschecks mitnehmen. Alle Zahlungsmittel von US-amerikanischen Banken werden immer noch nicht akzeptiert!

Gesundheit. Impfungen sind nicht vorgeschrieben. Ein Schutz gegen Hepatitis A, Tetanus und Diphterie wird jedoch von Tropenmedizinern empfohlen. Das Leitungswasser sollte nicht getrunken werden.

Klima. Kuba hat ganzjährig nur geringe Temperaturschwankungen von 25 bis 33 Grad. Die Trockenzeit fällt in die Zeit von Dezember bis April mit etwas kühleren Temperaturen. Dann ist auch Hochsaison. Regenzeit: Mai bis November mit heftigen Regengüssen ab Juli, zuweilen Hurrikane im Herbst.

Rundreisen. Kuba erlebt man in komprimierter Form am besten auf Rundfahrten. Veranstalter u. a. Dertour, Ruefa, TUI/Gulet.

Infos: www.cubainfo.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)

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