Kupfern ruft die Schiffsglocke der Sea Cloud

Wer auf dem Oldtimer-Viermaster, einem veritablen Windjammer, nicht zum Wiederholungstäter wird, der hat einfach kein Faible für Schönheit.

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Milda Drüke

Da liegt sie, festgemacht vor der Hafenmauer am Pier in Piräus. Ihr schlankes Heck zeigt auf das gedrungene Heck eines Kreuzfahrtriesen. Fast überragen 14 Decks den höchsten Mast der Jacht. Doch selbst hier, ohne windgefüllte Segel vor weitem Horizont, ist die Sea Cloud, was ihre Erbauer vor 85 Jahren in ihr sahen: „Geschaffen, um alle, die sie sehen, in Erstaunen zu versetzen.“
Ihre Passagiere kommen allein oder zu zweit zur Gangway. Deutsche, Schweizer, Österreicher, Waliser und ein Paar aus den USA. Die Crew empfängt sie unter schattigem Baldachin mit Champagner, tauscht Pass gegen Bordkarte aus. 44 Gäste stehen verstreut auf dem Oberdeck, plaudern, greifen nach Canapés, nippen an Gläsern. Das Schiff bewegt sich. Wasser klafft zwischen Bordwand und Pier. Gespräche verstummen. Ganz bei sich selbst scheint jeder, schaut still zurück. Bordpianist Mario spielt. Die Sea Cloud gleitet aufs Meer. Ihr Kurs: durch die Ägäis nach Thessaloniki. Schon schüttelt und rührt Barman Bebot Aperitifs, die Schiffsglocke ruft kupfern: DingDing-Ding – das Dinner wird à la minute serviert, nicht in mehreren Sitzungen.

Darauf haben schon die Erbauer der Sea Cloud Wert gelegt: Edward Francis Hutton und seine Frau Marjorie Merriweather Post. Er: Wall-Street-Magnat. Sie: Erbin und kluge Geschäftsfrau. Tagsüber konnten ihre Gäste tun, was sie wollten, zum Diner erwartet wurden sie pünktlich. Und elegant. Damals, 1931, heißt die Sea Cloud noch Hussar, ist schwarz und die fünfte Jacht Huttons. Sein Geschenk für Marjorie. Die Germania-Werft von Krupp in Kiel baut es für ihn. Wie U-Boote stattet sie auch die Jacht mit Schotten aus, während Marjorie in New York ein Lagerhaus mietet. In dessen hallende Leere ziehen Schiffsbauer mit Kreidestrichen den Umriss der Jacht. Maßstabgetreu. Marjorie rückt Möbel darin, sammelt sie. Wochen. Monate. Als die Hussar nach USA überführt ist, Hutton und Marjorie überwältigt von deren Schönheit zum ersten Mal an Bord sind, fragt er, wieso sie sich so gut zurechtfinde. „Sie ist mein Kind. Ich kenne sie.“ Als das Paar geschieden wird, lässt Marjorie die Jacht weiß streichen und tauft sie Sea Cloud.

1942 wird die Patriotin ihre geliebte Jacht ins Ungewisse schicken. „Da ich keinen Sohn habe, den ich in den Krieg ziehen lassen kann, biete ich die Sea Cloud an.“ Entmastet, dafür mit schwerem Geschütz, wird sie für einen Dollar Miete militärisches Begleitschiff IX99 der US Marine. Fünf Jahre braucht es, sie wieder herzustellen. Frühdunst über dem Meer.109 Meter und 50 Zentimeter Sea Cloud drängen ruhig voran. Auf dem Promenadendeck richtet der Steward das kleine Frühstück für Frühaufsteher. Jetzt blitzen erste Sonnenstrahlen silbern auf Kannen für Kaffee und Tee. Gordon, ein Anwalt aus den USA, sitzt auf der Bank mit Kaffeebecher und Croissant. „Hier bin ich immer um diese Zeit.“ „Immer?“ Er lächelt selig. „Meine Frau und ich sind schon zum 19. Mal an Bord. Ich fühle mich wie Hutton. Die Sea Cloud ist mein, die Crew meine Familie.“ Er bewohnt immer dieselbe Kabine.

„Liebe Gäste“, spricht Kreuzfahrtdirektorin Kyra Zwirnlein über Lautsprecher: „Seit Piräus haben wir 89 Seemeilen zurückgelegt. Wir fahren zum Peloponnes. Wir setzen Segel.“ Braun gebrannte Crew-Hände lösen Tampen von den Belegen. Passagiere machen große Schritte über diese lose auf dem Promenadendeck liegenden Taue, bleiben stehen und schauen. Eine Seefrau entert auf in den Hauptmast. Seemänner folgen. Den Kopf im Nacken klettern sie die Sprossen zwischen den Wanten hoch, verteilen sich auf den Rahen, lehnen sich bäuchlings darüber, lösen die Zeisige der zusammengebundenen Segel – und klettern die Wanten wieder hinunter. Über Winschen an Deck zieht die Crew die Rahen hoch; die Segel fallen in lauen Wind. Dennoch schnappen sie nicht nach Luft.

Kapitän Sergey Komakin steht auf der Brücke, dirigiert die Rahen in einen Winkel, der die Segel bei Atem hält. 30 an Zahl. 3000 Quadratmeter Segelfläche. Der Kapitän von der Krim ist seit 1992 an Bord. „Seemann sein ist nicht einfach, ich sehe meine Kinder nicht aufwachsen.“ Er sieht sie alle vier Monate. Seine Hand weist aufs Meer: „Aber ich habe den schönsten Arbeitsplatz der Welt. An Bord fühle ich mich eins mit der Natur.“ Er strahlt konzentrierte Ruhe aus. Seine Crew zählt 60 Köpfe. „Jeder ist wichtig. Die Jungen lernen von den Alten. Alle haben Spaß hier.“ Seefrau Beatriz ist eine von ihnen. 22, zierlich, macht sie nach drei Jahren Nautikschule ihr Praxisjahr. Nach dem Examen 2017 ist sie Dritter Offizier und will Kapitänin werden. Was fühlt sie 56 Meter über den Planken im Mast? „Ich bin glücklich. Ich sehe das Meer und staune und will nicht mehr runter.“ Sie strahlt. „So geht's uns allen.“

Unaufdringlich verwöhnt von der motivierten Crew segeln die Passagiere zu Inseln odysseischer Geschichte. Manche folgen Edwin Pelc, dem Historiker an Bord, zu antiken Stätten, über die er zuvor referiert hat. Andere streifen durch Orte mit blendend weiß getünchten Häusern. Kaum sehen sie von dort auf das Meer und die wartende Sea Cloud, nehmen sie den nächsten Tender zurück an Bord. Manche sind gleich dort geblieben. Wie das Hamburger Paar, das zum 21. Mal mitfährt. „Unser Ziel ist das Schiff“, sagen sie und wirken so zu Hause darauf wie Gordon aus den USA.

Auslöser für ihre allererste Fahrt war der Wunsch: „Einmal nicht auf dem Blackberry erreichbar sein.“ Auf der Sea Cloud klingelt kein Handy. WLAN gibt's nicht. Ins Internet kommt gegen Gebühr nur derjenige, der in der Lido-Bar oder Lounge sitzt. In den 32 Doppelkabinen steht kein Fernseher. Jeden Tag liegt ein DIN-A4-Blatt mit neuesten Nachrichten auf dem Bett. Das führt die Gedanken auch zu den Flüchtlingen im ägäischen Meer. Die Sea Cloud kreuzt nicht dort, wo ihre Boote driften. Sollte es dennoch geschehen, würde Kapitän Komakin sie nach internationalem Seerecht bergen. Die Jacht ist politisch erfahren, hat die Schritte von Diplomaten und Royals über ihre Decks gehen hören. Marjories zweiter Mann wird US-Botschafter für die Sowjetunion. Die Sea Cloud macht fest in St. Petersburg, die kommunistische Elite kommt und geht, speist erlesen und genießt Luxus.

Ganz im Sinn Marjories ehren heute die Gäste das Captain's Diner in dunklen Anzügen. Spitzen zeigen Haut, Stoffe schimmern. „Kleidervorschlag: elegant“ war der Hinweis. Das Zwanglose ist so zentral an Bord, wie die Muße und das Speisen. Ach, das Speisen. Maik Albrecht, 36, Chef de Cuisine, lernte im Schwarzwald sieben Jahre schnippeln, rühren, kochen. 2007 betritt er die Kombüse der Sea Cloud. Und bleibt. Zwei Tage, und er kennt die Vorlieben der Gäste, richtet seine Menüs nach ihnen aus. Streift über lokale Märkte, schnuppert, kostet, prüft. Lokale Küche segelt in Variationen auf der Sea Cloud mit. Menüs schreibt er am Vortag der Zubereitung. „Ich führe das Restaurant, als sei es mein eigenes.“ Seine Augen leuchten wie die von Bebot, der das Gleiche von sich und der Lido-Bar sagt. Seit über 30 Jahren steht er dort hinter dem Tresen. „Ich genieße meinen Status als Urgestein.“ Windstärke sechs. Vor der Praxis von Dr. Ottomann vier bleiche Gesichter; sie schleichen mit Pillen in ihre Kabine. Das Zeltdach über dem Lido-Deck kracht und flattert abends über dem Barbecue. Es ist zu gut fixiert, um fortzufliegen. Maik Albrecht hält das Messer in der Hand wie einen Cellobogen, zieht es über die Länge des Schwertfisches, der aufklafft und helles, zartfestes Inneres zeigt.

Wo ist die Quelle, die so zuverlässig weniger als 30 Quadratmeter Küche befeuert? Der Erste Ingenieur führt in den Maschinenraum. Alles glänzt. Stahlwände weiß. Grün, rot, gelb die Rohre. Zwei Diesel. Marine-Gas-Öl treibt sie an. Es stößt die geringste Menge Schwefeldioxid aus. Die Entsalzungsanlage filtert aus acht Tonnen Salzwasser eine Tonne Frischwasser. 50 Tonnen pro Tag.
Als Kapitän Komakin zum Abschiedscocktail lädt, richtet er den letzten Satz seiner Rede an die, die zum ersten Mal an Bord sind: „Wenn Sie wiederkommen, begrüßen wir Sie mit ,willkommen zu Hause‘.“ Repeater, die, die schon oft da waren, lächeln. Morgens läuft die Sea Cloud in Thessaloniki ein. Der Blick geht noch einmal zur Sea Cloud: Sie ist, was ihre Erbauer in ihr sahen: geschaffen, um alle, die sie sehen, in Erstaunen zu versetzen. Und jene, die mit ihr segelten, zum Repeater zu machen.

ROUTEN & REVIERE

Die Sea Cloud ist von April bis November 2017 im westlichen und östlichen Mittelmeer (mit den Kykladen und der Adria) unterwegs. Im November segelt sie über Marokko zu den Kanaren und von dort geht es auf der Kolumbus-Route über den Atlantik. Von Dezember bis Anfang April ist sie in der Karibik unterwegs, rund um die kleinen Antillen und Grenadinen. Außerdem läuft sie Kuba an, die ABC-Inseln, Panama und Costa Rica. Preisbeispiel: La Valletta/Malta–Athen ab 3295 € p. P. in einer Zweibettkabine; 17.–24. August 2017; www.seacloud.com

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