Taiwan: Jedem sein ritueller Ansprechpartner

In den Tempeln von Tainan im Westen Taiwans leben kuriose Rituale, weil sich Aberglaube und 21. Jahrhundert kein bisschen widersprechen.

Neben der Religion haben die Religion ist nicht die einzige Leidenschaft der Taiwanesen.
Neben der Religion haben die Religion ist nicht die einzige Leidenschaft der Taiwanesen.
Neben der Religion haben die Religion ist nicht die einzige Leidenschaft der Taiwanesen. – Reuters

In Taiwans Städten lernt man vor allem die Annehmlichkeiten – und die Schattenseiten – der asiatischen Moderne kennen: Riesige Shoppingmalls, nagelneue, perfekt ausgeschilderte U-Bahn-Stationen, erdbebensichere Wolkenkratzer, futuristische Kunsthallen – aber auch verrostete Industrieanlagen, graue, von der Luftfeuchtigkeit angegriffene Hochhäuser, Autoschlangen, Smog. Die alte Kultur, die von den Ureinwohnern Taiwans und den Einwanderern aus dem Südosten Chinas geprägt ist, versteckt sich irgendwo dazwischen.

In Tainan, der ehemaligen königlichen Hauptstadt, haben sich alte Tempel, Forts und Schreine gut erhalten – als spannendes Spiegelbild der Geschichte und der religiösen Vielfalt des Landes. 1662 errichtete der Ming-Herrscher Koxinga hier seine zentrale Regierung, ließ die Stadt zum religiösen und kulturellen Zentrum ausbauen. Unter der Qing-Dynastie wurde Tainan 1683 zur Hauptstadt – und blieb es bis 1895, als die Japaner die Insel besetzten und ihre Hauptstadt nach Taipeh verlegten. Das benachbarte Anping war bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein lebendiger Handelshafen: Dort siedelten sich 1621 die Holländer an, später kamen chinesische, einheimische und britische Händler dazu.

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Das Klima ist hier an der Westküste Taiwans sogar im Winter angenehm warm, und statt weißgrauer Nebelschwaden, die über vielen modernen taiwanesischen Städten hängen, scheint öfter einmal die Sonne. Alles ist nicht weit voneinander entfernt – man kann sich beim Bummel durch das Zentrum also Zeit lassen. Die braucht man auch, um die Vielfalt der Malereien und Schnitzereien, Tempelwächter, Drachen und Götterfiguren auf sich wirken zu lassen – manchmal anmutig, manchmal komisch, manchmal gruselig. Ein paar Regeln sollte man dabei beachten: In Taiwan werden Tempel stets durch die rechte Tür betreten und durch die linke wieder verlassen. Obwohl ebenfalls weit geöffnet, sollte man die mittlere Tür nicht benutzen, denn sie ist den Tempelgöttern vorbehalten.

Im Inneren geht es meist ziemlich lebhaft zu: Manche Besucher werfen halbmondförmige Steine hin, andere ziehen vergoldete Stäbe mit chinesischen Schriftzeichen aus einem Becher, manche schwenken Räucherstäbchen, bringen Früchte und ganze Tabletts mit Süßigkeiten, Reis oder sogar einen Schweinskopf dar. All das dient dazu, die Götter und die Geister gnädig zu stimmen, einen sehnlichen Wunsch erfüllt zu bekommen – oder seinem Schicksal ein bisschen in die Karten zu schauen.

Gaben für die Gunst der Götter
Gaben für die Gunst der Götter
Gaben für die Gunst der Götter – Reuters

Mit den Göttern verhandeln

Aus der Religion in Taiwan schlau zu werden, ist nicht ganz einfach. Viele Menschen glauben an ein Mischmasch aus buddhistischen und taoistischen Lehren, vermengt mit einer großen Portion Volksglauben. Das spiegelt sich auch in den Tempeln, in denen es von Göttern, Halbgöttern und Dämonen nur so wimmelt. Um jeden Gott oder Dämon ranken sich ganz eigene Legenden – und jeder erfüllt eine andere Aufgabe.

Wer ein bestimmtes Anliegen hat, sucht sich „seinen“ Gott also sorgfältig aus. Dabei gibt es praktisch nichts, was sich Taiwanesen nicht von den Göttern zu „erkaufen“ versuchen: ein langes Leben, Wohlstand, Erfolg im Beruf, Eheglück. Auch ganz konkrete Wünsche sind nicht ungewöhnlich: die nächste Prüfung zu bestehen, von einer Krankheit geheilt zu werden oder mindestens 1,70 Meter groß zu werden.

Happenweise durch die Nacht

Neben der Religion haben die Taiwanesen offensichtlich noch eine andere Leidenschaft entwickelt: Freude am Miniaturessen. Wenn sich in den frühen Abendstunden die Dunkelheit über Tainan und seinen Stadtbezirk Anping legt, eröffnen überall die Nachtmärkte, wo man sich von einem Stand zum nächsten durchkostet – von Rindfleischnudeln und Fischbällchensuppe über frittierte Wachteleier und Schweine-Innereien bis zu Milchtee mit Tapioca-Bällchen und knallbunten Gelee-Süßigkeiten. Als Besucher wird man von dieser Leidenschaft sofort angesteckt. Selbst wenn der Bauch bereits zu platzen droht: Die Augen haben sich an dem quirligen Treiben und der Fülle rätselhafter Speisen bestimmt noch lang nicht sattgesehen.

Von Tempel zu Tempel

Tempel des Stadtgottes: Beschützt die Städte und richtet nach dem Tod über die Taten. Gleich am Eingang stehen zwei große Abakusse, auf denen abgezählt wird, ob der Tote mehr Gutes oder Schlechtes getan hat, im Himmel oder in der Unterwelt landet. Der Ort ist auch bei Studenten beliebt, um für Erfolg bei Prüfungen zu bitten.

Dongyue-Tempel: Dort haust Mount Tai, der Gott der Unterwelt, samt vielen Dämonen. Gläubige versuchen im Hinterzimmer via Medium mit den Toten in Kontakt zu treten: Das Medium (Priester mit rotem Kopftuch, Schürze und Schlangenpeitsche) murmelt Gebete über den Kleidungsstücken von Toten, bläst in ein Horn und knallt mit der Peitsche auf Gegenstände aus Pappmaché, um die bösen Geister zu vertreiben. Dann wird alles im Opfergabenofen verbrannt und so symbolisch dem Geist des Toten übergeben.

Lady Linschuis Tempel: Die Göttin Lady Linschui ist die Beschützerin der Kinder, gleich 36 Assistenten unterstützen sie. Vor den Götterstatuen, die den gesamten Tempel ausfüllen, stehen Opfergaben, die Mütter täglich bringen: Kämme, Haaröl, Lippenstift, Parfum . . .

Matsu-Tempel: Der prächtigste Tempel Tainans war früher der Palast von König Ningjing, letzter Herrscher der Ming-Dynastie. Kurz vor seinem Tod wünschte er, der Palast solle Matsu geweiht werden. Matsu ist die „Großmutter“ unter den Göttern, gilt als Schutzgöttin der Insel und ist in vielen Tempeln zu sehen, oft umgeben von einem Sammelsurium schwarzer Götter und Dämonen.

Konfuzius-Tempel: Mitten im Treiben der Stadt eine Oase. 1666 als erster Konfuzius-Tempel in Taiwan gebaut und diente auch als Schule für die konfuzianischen Lehren. Die schlichten Gebäude mit geschwungenen Dächern verstrahlen Ruhe und Eleganz ebenso wie der Garten mit Pavillons und alten Banyan-Bäumen.

Anping (Stadtbezirk von Tainan): Als die Holländer Anping zum wichtigsten Handelshafen machten, errichteten sie ein Fort, das heute wegen Verschlammung des Hafens landeinwärts liegt. Für die Mauern aus rotem Backstein verwendeten die Holländer einen speziellen Mörtel aus zermahlenen Austernschalen, Sirup und Klebreis. In Anping empfiehlt sich auch das Haus der Tait-&-Co.-Handelsgesellschaft, die ab 1867 die Erlaubnis hatte, mit Zucker und Tee zu handeln – und mit Opium. Faszinierend: das benachbarte „Baumhaus“, altes von Banyanbäumen überwuchertes Gemäuer. In Anping finden sich einige der ältesten Straßen und Häuser Taiwans.

Tipp in der Umgebung: Madou-Tempel in Madou: Ein Ort, zu dem viele Taiwanesen schaurige Kindheitserinnerungen haben. Der Tempel aus den 1950ern ist besser als jede Geisterbahn: Durch den Schwanz eines riesigen Drachen betritt man die Unterwelt. Im Dunkeln geht es von einer Szene zur nächsten: Da werden arme Sünder von Dämonen zersägt, von Walzen überrollt, an glühenden Stangen befestigt, an den Haaren aufgehängt. Und ja: Die Figuren bewegen sich tatsächlich. Mit ruckartigen Bewegungen, in farbiges Licht getaucht, untermalt von Gongs und düsterer Musik. So unecht, dass es schon wieder unterhaltsam ist. Und dennoch ist man ein erleichtert, wenn man durch das Drachenmaul wieder ans Tageslicht tritt.

Übernachten: Ing Wang Hotel, günstig nah dem Matsu-Tempel im Zentrum von Tainan. Mit kleinen, neu renovierten, hellen Räumen. www.ingwang.com

JJ-W Culture Design Hotel: Die Zimmer dieses Boutique-Hotels wurde von örtlichen Architekten und Künstlern gestaltet, jedes mit unverwechselbarem Design. jj-w.hotel.com.tw

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2017)

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