Korsika: Der Hang zum Eigenständigen

1000 Kilometer Küste, uralte Bergdörfer, verwunschene Gärten: Vor allem in der ­­Vor- und Nachsaison macht Korsika Naturfreunden und Genießern Freude.

Steigung. Für ein Badeurlaubseiland ist Korsika außer­ordentlich gebirgig.
Steigung. Für ein Badeurlaubseiland ist Korsika außer­ordentlich gebirgig.
Steigung. Für ein Badeurlaubseiland ist Korsika außer­ordentlich gebirgig. – (c) REUTERS (Charles Platiau)

Auf dem Platz vor der Zitadelle spielen ein paar Männer Boule. Spaziergänger flanieren durch die Abendsonne und blicken über das Geländer des Platzes auf das schöne Städtchen am Meer. Saint-Florent war in den 1970er-Jahren die Antwort Korsikas auf Saint-Tropez; nicht nur, weil die beiden Orte ähnlich malerisch ans Meer drapiert lagen, sondern auch, weil sie vom Jetset besonders geschätzt wurden. Marcello Mastroianni, der schönste aller italienischen Schauspieler, und Catherine Deneuve, die faszinierendste aller französischen, bauten sich hier ein altes Kloster zum Wohnhaus um. Liz Taylor und Richard Burton gingen mit ihrer Jacht in Saint-Florent vor Anker, nicht selten wurde auch Sophia Loren mit ihrer Familie gesehen. Tags schlenderten sie durch die Gassen der kleinen Stadt und badeten im Meer, nachts tanzten sie im legendären Club Conca d’Oro.

Dann trennte sich das Traumpaar Mastroianni/Deneuve, auch die Burtons zogen einmal mehr einen Schlussstrich. Heute reist die Prominenz lieber nach Porto-Vecchio im Südosten Korsikas – oder nach Lumin, Heimatort der schönen Laetitia Casta und Zweitwohnsitz vieler Prominenter vom Festland. Saint-Florent hat das nicht geschadet: Die Häuschen der Altstadt drängen sich schlank und schön wie eh und je ans blaue Meer. An warmen Spätsommerabenden, wenn die Besuchermassen der Hochsaison verschwunden und die Tage aber noch voller Wärme und Sonne sind, treffen sich reifere Herren zum Boule-Spiel. Es ist eine der wenigen französischen Gepflogenheiten, die man gern übernommen hat. Und seine Lage tief im Golf von Saint-Florent macht den Ort noch immer zu einem der reizvollsten der Insel.
 
Landschaftstableau mit Schafen. Korsika ist der Inbegriff mediterraner Schönheit, und wer die Hochsaison meidet, die sich hier in Preisgestaltung wie in Besucherzahlen brav auf die Monate Juli und August beschränkt, kann sich mancherorts fühlen wie an der Côte d’Azur vor Beginn von Blechlawinen und anderen Begleiterscheinungen des Massentourismus. Und auch die Insulaner sind zugänglicher, wenn sie ihre Heimat mit nicht ganz so vielen Fremden teilen müssen.

316.000 Menschen, denen seit der Römerzeit ausgeprägter Eigensinn nachgesagt wird, leben auf der viertgrößten Mittelmeerinsel. 66.000 sind in Ajaccio zu Hause, der Geburtsstadt Napoleons, 43.000 in der Hafenstadt Bastia. Die übrigen verteilen sich auf Dörfer, wie man sie sich idyllischer kaum denken könnte. Die spektakuläre Landschaft aus Hochgebirge und der Macchia, einem großen, prachtvollen Buschwald aus Ginster, duftendem Lavendel, Myrte und rosa blühender Zistrose, der mehr als die Hälfte Korsikas bedeckt, teilen sie sich mit 80.000 Schafen.

So ewig wirkt diese mediterrane Landschaft aus Bergen und Buchten, Olivenhainen und korsischen Eichen, alten Dörfern und Festungen, dass man glauben könnte, sie sehe so aus wie immer schon. Doch auch Korsika durchläuft Veränderungen. „Anfang des 19. Jahrhunderts gab es hier zwölf Millionen Olivenbäume“, weiß Isabelle Demoustier, Geschäftsführerin des Landschaftsgartens Saleccia, der im als „Garten Korsikas“ gerühmten Landstrich Balagne im Nordwesten der Insel überm Meer liegt. „Heute sind es noch 180.000.“

Demoustier kennt neben den Veränderungen, die in der Regel vom Menschen gemacht sind, aber auch die Selbstheilungskraft der Natur. Sie zeigt Besuchern den Stumpf eines Olivenbaums, der 1974 einem schweren Waldbrand zum Opfer fiel. „Er war mehrere Hundert Jahre alt.“ Noch immer bedauert sie den Verlust. Ein kleiner Trost: Fünf junge Bäume sind um den verkohlten Stamm neu ausgetrieben. Für die 42-Jährige ist der einzige öffentliche Garten Korsikas so etwas wie die Erweiterung ihres Wohnzimmers. Ihr Vater, Bruno, ein Landschaftsarchitekt vom Festland, schuf das Refugium aus korsischen Pflanzen, nachdem er in den 1960er-Jahren hierhergekommen war und sich erst in die Insel, dann in seine Frau, Irène, verliebte. Auf trockenem Boden, der viel Wind ausgesetzt ist und nur wenig Regen kennt, legte er den zehn Hektar großen Garten an, der im Frühling in allen Farben aufleuchtet, Anfang Juni im hellen Gelb der Immortelle und im Spätsommer in sattem Grün strahlt. Heute stellt Bruno Demoustier noch immer Olivenöl für seine Familie her – als Beweis der wohltuenden Wirkung des Lebens am Mittelmeer.

Clementinen und Immortellen. Christelle Leandri, promovierte Chemikerin, ist davon so überzeugt, dass sie eine Kosmetiklinie auf Basis mediterraner Pflanzen begründet hat. In ihrem Labor im Sprengel Belgodère stellt sie Gesichtslotion mit Clementinenextrakt, Peelings mit korsischem Sand, Handcreme mit Zitrusfrüchten und Pflegecremes mit Olivenöl, Rosenwasser oder dem ätherischen Öl der gelb blühenden Immortelle her, deren Blüten nach dem Pflücken nicht sichtbar welken. Alle tragen ein Biosiegel. „Mit über 2000 einheimischen Pflanzen ist Korsika voller Düfte, voller Schönheit“, sagt sie. „Das allein sorgt schon für Wohlbefinden.“ Ihr Ziel ist, dieses Wohlbefinden in Tuben und Tiegel abzufüllen. Auch alles andere macht sie selbst: von der Analyse der Zutaten und der Komposition der Produkte bis zum Marketing und Versand.

Es ist auffällig, dass korsischer Patriotismus heute viel mit Aromen, Pflanzen und Früchten zu tun hat. Auch für Jean-Louis Tommasini, Besitzer von 750 Olivenbäumen beim Dorf Avapessa. Er wurde in Marseille geboren, nachdem seine Eltern aufs Festland gegangen waren, um dort zu arbeiten. Seine Heimat sah er nur in den Ferien. Doch das genügte. „Marseille ist eine Stadt“, sagt er. „Ich aber wollte aufs Land. Ich bin Korse.“ Mit 18 Jahren hielt ihn schließlich nichts mehr. Er ging zurück und begann seine eigene Ölproduktion, mit 34 Bäumen auf einem Stück Land, kaum größer als ein Garten. 40 Jahre später stellt er 3500 Liter pro Jahr her, 2000 davon vertreibt eine Kooperative ins Ausland. Der Rest bleibt auf der Insel.

Streben nach Autonomie. Bastias überwiegend in barockem Stil erbaute Kirchen zeugen von den Vorbehalten, die man auf Korsika immer gegen Frankreich hegte. Mit der Gotik als der Kunst Frankreichs wollte man hier nichts zu tun haben. Italien, das der Insel geografisch näher liegt als die Grande Nation, hatte Korsika 1768 dem Nachbarstaat übergeben – nachdem der korsische Widerstandskämpfer und Reformer Pascal Paoli die Genueser ernsthaft in die Enge getrieben hatte. Den Franzosen aber unterlag er. Seither ist französisch, was häufig italienische Ortsnamen trägt und von Menschen bewohnt wird, die sich vor allem korsisch fühlen.

Dass in den 1960er-Jahren Algerien-Franzosen von Paris Land an der korsischen Ostküste erhielten, das korsische Bauern als das ihre betrachteten, und dass vor allem Festland-Franzosen mit dem Tourismus Geld verdienten, sorgte für erhebliche Spannungen. 1967 bildete sich eine erste Separatistenbewegung, 1976 mit der „Korsischen Nationalen Befreiungsfront“ die zweite. Separatisten verübten Anschläge auf Einrichtungen und Repräsentanten Frankreichs sowie auf Ferienanlagen und Hotels. Noch immer wird betont, dass Urlauber ausdrücklich geschont und nur leer stehende Unterkünfte bombardiert wurden.
„Die gewalttätige Generation ist heute in Pension“, beteuert Rosemarie Antonini, gebürtige Deutsche und verheiratete Korsin, die Touristen die Stadt Calvi an der Westküste zeigt. „Ihre Kinder gehören heute zum Establishment und sind Politiker und Juristen.“ Im Juni 2014 erklärte die Korsische Nationale Befreiungsfront, ihre Waffen abzugeben. Der starke Wunsch nach mehr Autonomie aber besteht weiterhin, ebenso wie die wirtschaftliche Abhängigkeit des ärmsten Gebiets Frankreichs von Paris.

Antonini kennt nach 30 Jahren jeden Stein der Altstadt Calvis. Und sie hat auch die Bewohner der Insel gut kennengelernt. Das sei keinesfalls unmöglich, sagt sie, denn die Korsen seien weniger verschlossen, als man es ihnen nachsagt. Tag für Tag zeigt sie den Besuchern die Zitadelle, die Stellen, die die schönsten Blicke über die blaue Bucht öffnen, und die Ruinen des Hauses, das der Familie von Christoph Kolumbus gehört haben soll. Auch dass der Genuese seine Wurzeln im Nordwesten Korsikas haben soll, weiß sie zu erklären: nämlich damit, dass Calvi im 15. Jahrhundert zur Republik Genua gehörte. Kolumbus konnte so als Genueser durchaus auch Korse sein. Nicht jeder kann jedoch mit derart großzügiger Eingemeindung rechnen. Napoleon Bonaparte, dem großen Sohn Korsikas, dessen Vater erst mit Revolutionär Paoli gekämpft und sich später mit den Franzosen arrangiert hatte, steht man hier indifferent gegenüber: „Er war Franzose.“

Tipps

Hin- und Herumkommen: Verschiedene Veranstalter bieten Rundreisen mit Hotel und Direktflug ab Wien nach Korsika an (z. B. www.rhomberg-reisen.com, www.kneissltouristik.atoder www.ruefa.at). Für Selbstfahrer empfiehlt sich die Fähre von Livorno nach Bastia
(z. B. www.mobylines.com). Um die gebirgige, buchtenreiche Insel kennenzulernen, mietet man am besten ein Auto.

Übernachten: Das Vier-Sterne-Hotel Liberata besitzt ein geheiztes Schwimmbad und wird nur durch eine schmale Straße vom schönen Strand von Île-Rousse getrennt. Die Zimmer sind groß, beim Frühstück sitzt man nett auf der Terrasse mit Meerblick. Promenade de la Marinella, Île-Rousse, www.hotel-ilerousse.fr

Ein Stück außerhalb von Bastia liegt das Drei-Sterne-Haus Pietracap auf einem Hügel mit Blick auf Elba überm Meer. Mit Pool. 20 Route de San Martino, Bastia, www.pietracap.com

Essen und Trinken: Schöne Lage in den Bergen mit Blick aufs Meer in der Ferne, dazu kreative korsische Küche: Chez Léon in Cateri, www.hotel-corse-usandume.com Nach dem Weingenuss kann man im dazugehörigen Hotel nächtigen.

Anschauen: Der Parc de Saleccia liegt vier Kilometer vor L’Île-Rousse an der Route de Bastia. Er ist von April bis Oktober geöffnet, www.parc-saleccia.fr

Lesen: Sehr ausführlich informiert der Band „Korsika“ von Marcus X. Schmid aus dem Michael-Müller-Verlag (396 Seiten).

Auskünfte: Atout France,  de.rendezvousenfrance.com

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