Kanaren: Wo die Bäume Pelze tragen

Ganzjährig frühlingshaftes Klima beschert La Gomera eine einzigartige Flora und Fauna. Besonders groß ist die Vielfalt im Nationalpark Garajonay auf dieser zweitkleinsten Insel des Archipels.

Subtropischer Lorbeerwald hat einen einfachen Stockwerkaufbau. Wirklich durch- schauen kann man ihn trotzdem nicht – schon wegen des häufigen Nebels.
Subtropischer Lorbeerwald hat einen einfachen Stockwerkaufbau. Wirklich durch- schauen kann man ihn trotzdem nicht – schon wegen des häufigen Nebels.
Subtropischer Lorbeerwald hat einen einfachen Stockwerkaufbau. Wirklich durch- schauen kann man ihn trotzdem nicht – schon wegen des häufigen Nebels. – (c) imago/blickwinkel (imago stock&people)

Belaubte Wälder, Wärme, Licht und blauer Himmel – für mitteleuropäischen Winter der schiere Luxus – sind auf der Kanareninsel La Gomera gang und gäbe. Denn hier herrschen das ganze Jahr über frühlingshafte Temperaturen. Für Naturfreunde ein Schlaraffenland auf dem immergrünen Eiland im Atlantik ist der geheimnisvolle, wunderschöne Lorbeerwald von Garajonay.

Wie durch ein unsichtbares Tor betritt der Wanderer das Reich der Hexenbäume. Sonnenschein und Vogelstimmen bleiben hinter ihm. Die Nebelwand, die jeden Laut zu schlucken scheint, umschließt ihn ebenso wie das Gewirr der schiefen, knorrigen und krummen Stämme, Äste, Zweige, Wurzeln. Die meisten sind so dicht von Moos und Flechten überwuchert, dass man meinen könnte, es sei Fell. Dazwischen schießen braune, gelbe oder weiße Pilze wie Beulen aus dem Pflanzenpelz.

Wo kein Platz mehr auf dem Holz ist, wachsen lange, wilde Zotteln – grün bis silberweiß und manchmal meterlang – nach unten. Vom Boden strecken sich zerzauste Büsche und Farn in die Höhe. Gänsedisteln geben sich mit kräftigen, holzigen Stängeln als kleine Bäume aus. Ihre sonnengelben Blüten und leuchtend grünen Blätter, die an Löwenzahn erinnern, sorgen für farbenfrohe Tupfer in der nebeligen Düsternis. Doch selbst dort, wo keine Blumen blühen, zieht die schaurig-schöne Wildnis den Betrachter tief in ihren Bann.

Die kühle Luft ist voller winzig kleiner Wasserperlen, riecht nach Erde, feuchtem Laub und – Lorbeerbäumen. Das Biotop, das sie hier im Herzen La Gomeras bilden, ist weltweit das bedeutendste seiner Art. Mit Echtem Lorbeer, allgemein bekannt als Ingredienz für Suppen oder Siegerkränze, sind diese aromatischen Pflanzen jedoch nur verwandt. In tiefen Zügen atmen die Wanderer den herben Duft. Die alten Griechen glaubten, er könne Tote zum Leben erwecken.

Man spricht Pfeifen

Lorbeerwälder bedeckten früher weite Teile des europäischen Kontinents. Von der Eiszeit, die sie vernichtete, blieben die Kanaren verschont. Sie waren nie mit dem Festland verbunden. Vier endemische Spezies aus der Familie der Lorbeergewächse, zu denen übrigens auch Zimt und Avocado gehören, existieren auf dem Archipel bis heute. Ihr Bestand auf La Gomera ist das Kernstück des Nationalparks Garajonay, der mit knapp 4000 Hektar Teile aller sechs Gemeinden und insgesamt ein Zehntel der Inseloberfläche einnimmt.

Der Ozean liegt nun dem Wanderer zu Füßen, fast einen Kilometer unter ihm. 500 Meter weiter oben erwartet ihn der höchste Punkt der Insel: der Pico de Garajonay. Immer wieder gibt der Wald den Blick frei auf den blauen Horizont, eingerahmt von Bergen. Zwischen ihnen viele tiefe Schluchten. Um sich über sie hinweg verständigen zu können, schufen die Ureinwohner La Gomeras die weit hörbare Pfeifsprache Silbo. Heute wird sie sogar an den Schulen der Insel gelehrt.

Die Aussicht ist gigantisch. Wer hier steht, fühlt sich wahrhaftig wie im Himmel – und scheint tatsächlich dort zu sein. Denn inzwischen führt der Weg durch Wolken. Dort, wo sie an den steilen Inselflanken hängen bleiben, recken ihnen die ewig durstigen Lorbeerbäume ihre haarigen Glieder entgegen, um sie damit förmlich leer zu melken. Auf ihren Blättern, die von Wachs bedeckt sind, verwandelt sich der Wolkendunst zu Wasser und tropft über etliche botanische Etagen zum Boden.

Zu viel Wasser für den Wald

Wie Schwämme saugen sich die Moose voll. Mit dicken, schüsselartigen Blättern gieren Sukkulenten um jeden einzelnen Tropfen. Wo die braune bis rote Erde unbewachsen ist, bilden sich oft Schlamm und Lacken. Viele kleine Quellen, die man passiert, vom Weg aus sieht oder auch nur plätschern hört, sorgen für den Abfluss all des vielen Wassers, das der Wald nicht aufnehmen kann.

Geist der Liebe in den Bäumen

Je weiter der Pfad nach oben führt, um so trockener wird alles. Die Wolken sind wie vom Himmel geleckt, die Sonne scheint. Die Vögel zwitschern wieder. Wie auch in den Höhenlagen bis 500 Meter, wo Wacholder und Kanarenpalme gedeihen, fehlt es hier an lebensspendender Feuchtigkeit. Die Flora passt sich an. Immergrüne Gagelbäume und Riesen-Erika gesellen sich zu dem robusten Artenmix, wo der Lorbeerwald ganz allmählich zum Baumheide-Buschwald wird.

Der Legende nach fand in diesem Wunderland eine Liebesgeschichte ihr tragisches Ende. Weil die Verbindung zwischen der Guanchen-Prinzessin Gara und dem Bauernsohn Jonay aus Teneriffa nicht geduldet wurde, floh das unglückliche Paar in La Gomeras Wolkenwald und ging gemeinsam in den Tod. Der Geist ihrer Liebe soll bis heute in den Bäumen wohnen. Berg und Nationalpark tragen ihre Namen.

Info

Anreise: Flug nach Teneriffa, per Mietwagen und Fähre weiter nach La Gomera.

Haus am Wald: Casa Rural La Palmita in Agulo: Finca beim Lorbeerwald. Zwei Schlafzimmer, Wohnraum mit Kamin, Bad, Küche. Blick von der Dachterrasse bis zum Teide, Teneriffas höchstem Gipfel. Bei diversen Ferienhausanbietern.

Essen: La Montaña Casa Efigenia in Las Hayas: echte gomerische Küche und Gastfreundschaft, www.efigenianatural.com

Aloe Vera: traditionell auf den Kanaren angebaut und verarbeitet. Aloe Vera Cen- ter von Hermigua: www.fincacanarias.es

Buchtipp: Wanderführer „Gomera“ aus dem Michael Müller Verlag von Oliver Gerhard und Rasso Knoller.

Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spain.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2018)

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