Mani, ein Landstrich im Süden der Peloponnes

Auf der Peloponnes wandern und Ouzo trinken, das kann jeder. Den speziellen Charme der über 1000 Kirchen entdecken – das ist etwas für echte Philhellenen.

Typische Steinkirche auf der Mani Halbinsel.
Typische Steinkirche auf der Mani Halbinsel.
Typische Steinkirche auf der Mani Halbinsel. – imago/blickwinkel

Verloren im Olivenhain. Eine Sonne, die nicht brennt, sondern beißt, macht gemeinsame Sache mit kratzendem Gestrüpp und einem Rucksack, der mit jedem Schritt schwerer zu werden scheint. Kurz vor der Kapitulation lugt ganz weit hinten eine kleine Kuppel über die Bäume hinweg, als würde sie nach jemandem Ausschau halten. Na endlich!

Die plötzliche Euphorie aber prallt abrupt an einem riesigen Vorhängschloss ab. Das Verschlossene-Tür-Syndrom gehört zu griechischen Kirchen wie der Sirtaki zu Alexis Sorbas. Doch irgendjemand hat immer den Schlüssel. Die Tavernenbesitzerin im nächsten Dorf, der lokale Priester oder die eine alte Frau, die hier als Einzige noch betet.

Um sie zu finden ist nur eines genauso hilfreich wie gute Griechischkenntnisse: die Pantomime für das Aufschließen von Türen. Sie ist universell – und wenn man auf dem Dorfplatz unsichtbare Schlüssel in Luftschlösser steckt, umdreht und imaginierte Klinken hinunterdrückt, fragen Dimitris, Christos und Eleni sich zwar, warum Nichtgriechen in ihren kleinen, abgelegenen Ort kommen und ausgerechnet eine der Kirchen sehen wollen, die höchstens ein Mal im Jahr, am Festtag des Namenspatrons, geöffnet wird. Aber den Schlüsselbesitzer treiben sie dann doch für einen auf.

Innenaufnahme eines Klosters mit seinem Fresko.
Innenaufnahme eines Klosters mit seinem Fresko.
Innenaufnahme eines Klosters mit seinem Fresko. – imago stock&people

Drinnen ist es staubig und still. Nur durch die geöffnete Tür fällt Licht hinein. Unter einer vom Ruß der tausendfach abgebrannten Kerzen tiefschwarz gefärbten Decke dämmern morsche Ikonastasen vor sich hin. Neben spinnwebverhangenen Kerzenleuchtern zerbröseln getrocknete Blumen. Flaschen mit Lampenöl, Schachteln mit kleinen Weihrauchbrocken und Kehrbesen lagern in einer Ecke. Das ist die gute Stube des griechischen Glaubens. Kein Ort für Massenevents, sondern für intime Zwiegespräche mit Gott.

Gotteshäuschen

Vor allem die Mani, ein Landstrich im Süden der Peloponnes, ist besonders reich an solchen Kirchen. Es gibt dort mehr als 1000 von ihnen, denn obwohl das Christentum sich in dieser Region erst im neunten Jahrhundert durchzusetzen begann, holten die maniotischen Kirchenbauer ihren Rückstand schnell auf. Allein in den Dörfern Exohori, Platsa und Kastania finden sich rund hundert, über die Gassen und Felder verstreut, als seien sie aus einem göttlichen Würfelbecher gepurzelt. Neben einigen sofort ins Auge fallenden, aber langweiligen Neubauten sind darunter auch eine große Menge mittelbyzantinischer Kreuzkuppelkirchen und noch mehr Gotteshäuschen von der Größe einer Gartenlaube. Von außen sind sie oft nur an der Apsis zu erkennen.

„Blumen der Steine“ hat der Dichter Kyriakos Kassis die Mani-Kirchen genannt, und auf einer Reise durch diese Gegend kann man zum Blumensammler werden, weil der Besuch von nur zwei oder drei dieser Kirchen niemals ausreicht. Einmal angefangen muss man sich so viele wie möglich anschauen. Keine Kirche gleicht der anderen, aber all diese äußerlich oft schmucklosen Kästen sind innen über und über mit Bildern geschmückt: Rissig und zerschunden blickt Christus, der Pantokrator, von einem verwitterten Fresko unter der Kuppel herab. Es sind die klassischen Szenen aus seinem Leben, die an den Wänden ringsum gezeigt werden wie als Fortsetzungsgeschichten auf Comicstrips: Geburt, Taufe, die Erweckung von Lazarus, der Einzug in Jerusalem, die Stationen des Leidensweges, Auferstehung und die Entsendung des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Überall umringen Jungfrauen, Propheten, Märtyrer und Mönche den Kirchenbesucher, allein oder als himmlische Heerscharen, die sich so dicht zusammendrängen, dass ihre Heiligenscheine aneinanderstoßen.

Regeln für die Darstellung

Oft haben die Wandbilder Brände überstanden, aber nur selten spätere Übertünchungen, und wegen der Feuchtigkeit des Mauerwerks sind sie an vielen Stellen nur noch schwer zu erkennen. Die Farben sind verblasst, manchmal so stark, dass auf der fast leeren Fläche nur noch schemenhaft die Idee des Bildes zurückgeblieben ist, ganz so, als zögen Johannes, Petrus und Co. sich langsam in das Reich des Unsichtbaren zurück. Die ursprüngliche Malerei ist in kaum einer Kirche der Mani erhalten geblieben. Viele wurden im 17. und 18. Jahrhundert restauriert sowie neu ausgemalt. Dennoch hat mit diesen Bildern ein Teil von Byzanz überlebt, denn die byzantinische Malerei folgte einer jahrhundertealten Tradition, die nicht allein bestimmte Techniken vorschrieb, sondern eine durch und durch formelhafte Darstellung biblischer Szenen und Figuren. Nachzulesen im Handbuch des malenden Mönchs Dionysios von Phourna, der darin alle Regeln zusammengefasst und damit ein ikonografisches Dogma geschaffen hat. Zwar gab es verschiedene Schulen und auch Renaissancen der byzantinischen Kunst, die Abweichungen waren jedoch nie groß oder revolutionär.

Biblische Bildgeschichten

Dank der Konformität in den Abbildungen kommt Johannes der Täufer zum Beispiel immer ein bisschen schmuddelig mit zerzausten Haaren und zerschlissener Kleidung daher, wie es sich schließlich für einen Mann gehört, der in der Wüste lebt, und der gerade erschaffene Adam steht stets nackt und bartlos an der linken Hand Gottes. Keine Regel ohne Ausnahmen gilt jedoch auch hier.

Fresken von der Taufe im Jordan zeigen Jesus üblicherweise mit verhüllendem Lendenschurz oder so tief im Fluss stehend, dass sein Unterleib von Wasser bedeckt wird. Nur in der Kirche Agios Iannis in Kastania ist ein Aktbild des Heilands zu sehen. Das Können, im Who's who der biblischen Protagonisten zu lesen, wächst mit jedem weiteren Kirchenbesuch fast im gleichen Maße wie die Fähigkeit, in Blumentrögen, Mauerritzen und Fensternischen versteckte Schlüssel zu finden. Manchmal allerdings brauchen klemmende Türen einfach nur einen guten Schubs mit der Schulter.

Nicht zur geschlossenen Gesellschaft gehört die Kirche Agios Petros in Kastania. Sie stammt aus dem zwölften Jahrhundert, der Blütezeit der byzantinischen Architektur auf der Peloponnes und ist damit das älteste byzantinische Bauwerk des Dorfs. Während einer aufwendigen Restaurierung in den vergangenen Jahren konnten viele Übermalungen entfernt werden. Es kamen Fresken aus dem 13. und 14. Jahrhundert zum Vorschein, eine Bilderbibel in Blautönen schillernd wie Stahl, in Bernsteinfarben, Purpurrot, Mondscheinsilber und Smaragdgrün.

Kulturpreis für Konservierung

Wenn besonders viele Kerzen in Agios Petros brennen, werden in diesem regenbogenbunten Himmel die versammelten Heiligen durch das Lodern der Flammen zu flackerndem Leben erweckt. 2016 gab es für den Erhalt des kulturellen Erbes und die gelungene Konservierungsarbeit den europäischen Kulturpreis Europa Nostra.

Ganze Tage kann man im Alten und Neuen Testament unterwegs sein, von Kirche zu Kirche ziehen und Teil einer Besucherbewegung werden, die seit Jahrhunderten andauert. Generationen von Gläubigen haben ihre Erinnerungen in den Gotteshäusern gelassen, die an deren Mauern haften wie Patina, haben all diese Kirchen geliebt, gepflegt und ihre Schlüssel verwahrt.

Zwar gibt es einige überwiegend englischsprachige Reiseführer mit guten Karten, auf denen viele der Mani-Kirchen eingezeichnet sind. Für echte Entdecker aber, die nicht bloß überprüfen wollen, ob stimmt, was in den Büchern steht, macht die Suche auf eigene Faust den besonderen Reiz aus. Schade nur, dass die griechisch-orthodoxe Kirche keinen Ablass kennt. Sonst wären nach stundenlangen Wanderungen in der Hitze, halsbrecherischen Klettertouren und all den Irrgängen, die wegen falscher oder fehlender Wegweiser mitten im Nirgendwo oder in Brombeerhecken endeten, bestimmt beträchtliche Strafnachlässe für Sünden fällig.

Peloponnes, mittlerer Finger

Lage: Die Mani liegt im Süden der Halbinsel Peloponnes als mittlerer und längster Finger (75 km). Südlich von Kalamata beginnt die Region der Berge und Kirchen, die sich bis zum Kap Tena- ro, dem südlichsten Punkt, ausbreitet.

Anreise: Aegean und Austrian fliegen täglich direkt Wien–Athen. Weiter mit dem Bus der KTEL oder Mietwagen nach Kalamata (ca. drei Stunden) und weiter in die Mani in knapp einer Stunde.

Kirchenkunst: Schnelle Erfolge bei der Kirchensuche hat man in vielen Dörfern, etwa Kastania, Platsa, Nomitsi oder Exo- chori. Sehr sehenswerte Fresken finden sich in Agios Petros in Kastania, Aghia Triada in Proastio, Aghios Ioannis Pro- dromos in Areopolis und im Dekoulou-Kloster in Oitylo. Auf guten Peloponnes-Karten verzeichnet und ausgeschildert.

Unterkunft: In Aghios Nikolaos bieten die Apartments Mani Village einen schönen Blick auf den Messenischen Golf und das Taygetos-Gebirge. Diese und weitere Unterkünfte: www.wundertravel.com

Wunderbar gelegene Ferienhäuser und -apartments vermietet auch Elias Hontzeas (www.stoupa-properties.gr), Yiota Koloveas (www.skafidakia.gr) und Olga Nikoloudi (www.nikoloudiestate.gr).

Buchtipps: Mani: „Reisen auf der südlichen Peloponnes“ von Patrick Leigh Fermor, Fischer Taschenbuch,
„Reisehandbuch Peloponnes“ von Hans-Peter Siebenhaar, Verlag Michael Müller,
„Lesereise Peloponnes. Alexis Sorbas und der getürkte Grieche“ von Nicole Quint, Picus Verlag.

Kontakt: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr. www.visitgreece.gr

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