SCHNEE, auf dem wir alle talwärts ...

Skifahren: Von wegen Nationalsport. Die Skigebiete müssen sich auf die Veränderungen einstellen. Das kostet sie viel, an Geld und Ideen.

Viele suchen die Weite des freien Skiraums (hier Arlberg).
Viele suchen die Weite des freien Skiraums (hier Arlberg).
Viele suchen die Weite des freien Skiraums (hier Arlberg). – LZTG (Michael Reusse)

Mit „Schifoan“ fasste Wolfgang Ambros 1979 nationalsportliche Begeisterung in eine bis heute mehr als skihüttentaugliche Hymne. Auch beim passiven Schifoan vorm Fernsehgerät stockte uns Österreichern nicht einmal der Atem bei den Skirennen, ob die Helden nun Klammer, Moser-Pröll, Maier, Hirscher oder Veith hießen. So schön identitätstiftend war dieses Schifoan, weil unsere Nation immer erfolgreicher darin war als in allen anderen Sportarten. Doch nun ist dieses Schifoan nur dem Namen nach mehr eine Nationalsportart. Wenn es das überhaupt war. Kommt darauf an, ob man Ost- oder Westösterreicher ist, hätten sie früher jeweils gekontert. Doch heute ist Skifahren wohl eine große Nische: Die einen hören auf, die anderen lernen es nicht mehr, und jene, die wiedereinsteigen, sind zu wenige, um dem internationalen Image gerecht zu werden, der Österreicher sei ein Skifahrer qua Geburt. Dass es an Skinachwuchs mangelt, hat bekanntlich Gründe.

Der eine: Schulskikurse sind nicht mehr obligatorisch, Schulen haben sie oft zugunsten Sommersportwochen aufgegeben. Der andere: Skifahren ist nicht preisgünstig, rechnet man Material, Liftticket, Einkehr und Nächtigungen zusammen. Ein weiterer: Skifahren ist bei vielen Zuzüglern freizeitkulturell nicht verankert. Doch das kardinale Problem ist wohl ein größeres und eines, das wir weder regeln noch schönreden können (höchstens vernünftig darauf reagieren): Siehe da, die Klimaerwärmung existiert tatsächlich. Auch wenn der schneereiche Bergwinter im Vorjahr uns vielleicht anderes glauben machen wollte: Es ist oft zu warm und zu trocken, als dass in niedrigeren Lagen Schnee fällt, geschweige denn sich solcher erzeugen ließe. In Folge leiden ein ganzer Wirtschaftszweig und folglich die Bewohner in tiefer gelegenen Regionen. Manches kleinere Skigebiet hat seine Lifte bereits abgebaut, manches Dorf seinen Lift zu Grabe getragen. Das war's dann mit dem Übungshang als Einstieg in den größeren Skizirkus.

Nichts geht ohne Einkehr. Auch nicht am Wilden Kaiser
Nichts geht ohne Einkehr. Auch nicht am Wilden Kaiser
Nichts geht ohne Einkehr. Auch nicht am Wilden Kaiser – Tirol Werbung (Hofmann Janine)

Naturschnee als Impuls

Ergibt sich für die Skiorte noch ein atmosphärisches Nebengeräusch: Wenn einen Winter lang kein Fuzerl Schnee auf den Heimatort des potenziellen Gastes – sagen wir Wien, Graz, Linz – herunterfällt, wird es schwerer mit der Imagination tief verschneiter Skiberge. Aber diesen direkten Impuls – Schnee! – braucht es eben auch, um Lust auf Skiurlaub zu entwickeln. Da reicht die Bilderflut vom heimischen Winterwonderland in den Medien nicht aus.

Dass Winterfluchten in die Tropensonne oft weniger als ein klassischer einwöchiger Familienskiurlaub kosten, ist eine Tatsache, auch wenn man sich dort und da redlich um leistbare All-in-Ski-Pauschalen bemüht. Und ja, man hat durch das Entwickeln von Skialternativen wie Schneeschuhwandern, Langlaufen oder Winterfrische gelernt, die Nicht-mehr- und die Noch-nie-Alpinskifahrer vom Sand in den Schnee umzulenken – darin sind wir Touristikweltmeister wirklich gut. Schließlich, haben Österreich Werbung und der Fachverband der Seilbahnen in einem Pressegespräch festgestellt, sei „Skifahren allerdings nur mehr ein Teil der Tagesaktivitäten der Gäste“ und erfreuten sich „alternative Winterangebote am Berg und Tal“ wachsender Beliebtheit.

Wobei Österreich den treuen Gästen aus Deutschland, Benelux, Zentral-, Ost- und Südosteuropa, Skandinavien oder Russland dankbar dafür sei, dass sie eine Menge Betten füllen, die wir Nationalskifahrer mittlerweile kalt lassen. Und dass sie noch Mehrtagesskitickets kaufen, viel Ski-Equipment ausleihen, vielleicht sogar kaufen und all die Pistenkilometer abfahren, die von Jahr zu Jahr wachsen, sei's in die Länge, sei's in die Breite, vor allem durch Zusammenschluss.

Saisonstart Oktober: Snowfarming (Resterkogel, Skigebiet Kitzbühel) macht's möglich.
Saisonstart Oktober: Snowfarming (Resterkogel, Skigebiet Kitzbühel) macht's möglich.
Saisonstart Oktober: Snowfarming (Resterkogel, Skigebiet Kitzbühel) macht's möglich. – EXPA (STEFANIE OBERHAUSER)

Technischer Schnee ab 1,5 Euro

Die vergangene Wintersaison brachte ein Nächtigungsplus von nahezu fünf Prozent. 20 Millionen Wintergäste in Österreich, Ähnliches wird auch heuer erwartet – obwohl das Bruttonationalnaturschneeprodukt tendenziell sinkt. Praktisch kann dem abgeholfen werden, eine gewisse Kapitaldecke vorausgesetzt. Die Erzeugung von einem Kubikmeter technischen Schnees kostet zwischen 1,5 und drei Euro. Man rechne die Anschaffung und Wartung von Hunderten Lanzen und Kanonen einmal mit mehr als hundert Pistenkilometern, also einer ordentlichen Skigebietsgröße, unter der Berücksichtigung, dass nicht viel Unterstützung aus der Atmosphäre nachkommt.

Dass ein Tagesticket plus, minus 50 Euro kostet, ist viel, aber verständlich gemessen am Materialeinsatz. Ist in einem Jahr der Speicherteich zur Wasserentnahme dran, braucht es als Nächstes die Anschaffung von neuen Pistengeräten, die das weiße Gut digital effektiv verteilen, gefolgt von der Erneuerung in die Jahre gekommener Lifte, dem Ausbau der Parkplätze und im besten Fall gleich mit einer umweltverträglichen Verkehrslösung. Schnell überholt sich die Entwicklung am Berg, nicht zuletzt angetrieben von den Veränderungen im hochalpinen Bereich. Wenn Permafrostböden auftauen und Windspitzen sich häufen, brauchen Liftstützen und Stationen andere bauliche Vorkehrungen als zuvor. Und dann ist da noch der Andrang vieler im Tal, die es oben auf Pisten, Liften und Hütten gut zu verteilen gilt: In Sölden etwa schaufelt eine Weltrekordbahn 4500 Personen pro Stunde aufs Giggijoch. Solche Projekte sind Ersatzhandlungen zugunsten der Sicherheit, der Frequenz und des Komforts. Insgesamt 600 Millionen Euro investiert die Seilbahnwirtschaft heuer in das Angebot am Berg.

Tirol Werbung (Jarisch Manfred)

Verbinden, wo immer es geht

Neue Verbindungen von Nachbarbergen, Gipfel und Subgipfel erscheinen nachvollziehbar, wenn sie innerhalb einer topografischen Einheit liegen. Wenn nur ein kleines Teilchen ein Skigebiet vom anderen trennt und zwei unmittelbare Nachbarn zusammenfinden.
Zuletzt schlossen sich größere Lücken. So kam es vor wenigen Jahren zu einem großen Zusammenschluss am Arlberg zwischen St. Anton und Lech Zürs, zuvor von Saalbach Hinterglemm Leogang mit Fieberbrunn. Manche Projekte spielen in einer eigenen Dimension. Das trifft aktuell auf die Anbindung des niedrigen Maiskogels an das Gletscherskigebiet am Kitzsteinhorn zu, mit zwölf Kilometern die in den Ostalpen längste zusammenhängende Seilbahnachse.

Im Feuer der Kritik stehen Ansinnen zur Erschließung neuer Gebiete oder unberührter Talschaften immer wieder. Jüngst warnte der Österreichische Alpenverein angesichts der Neuauflage des ambitionierten Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogrammes (TSSP).
Doch es gibt auch von wirtschaftlicher Seite durchaus die Annahme, dass nicht neue Erschließungen, sondern die Angebotsverbesserungen in bereits bestehenden großen und stark ausgebauten Skigebieten auf lange Sicht Erfolg haben werden. Alles lässt sich argumentieren, wenn man originell denkt: Dann rechtfertigt sich die Erschließung unberührter Gipfel und Täler eben durch eine Demokratisierung des Angebots für den Gast.

Da es ein Grundrecht für jeden sein müsse, überall hinzukommen. Hinkommen vielleicht. Aber dorthintransportiert werden? Weil es der Gast wünscht? Doch wer ist dieser viel zitierte „Gast“, der diese Entwicklung angeblich so vorantreibt, dass der Touristiker ihm einfach folgen muss? Ist das „der Gast“, der unter einer bestimmten Zahl an Pistenkilometern nicht anreist? Bleibt er fern, wenn er ein Skigebiet in einem Tag zweimal ausfahren kann anstatt in einer Woche. Braucht's die ganze alpintechnische Leistungsschau, auf dass er bucht?

Zumindest ein wenig Schnee gehört dazu, und sei es in Form eines Bandes: Ist am Saisonanfang einmal der Teppich aus technischem Schnee verlegt, hält er wie ein Panzer länger als Naturschnee, bis weit in den Frühling, in dem er langsamer zergeht. Böse ist dieser maschinengezeugte Schnee nicht, denn er soll den Almboden vor den scharfen Skikanten schützen, aber er ist härter zu befahren. Man muss mit der Produktion mittlerweile gar nicht auf kalte Herbsttage warten, Schnee gibt es mittels Snowfarming auf Vorrat: Unter Hackschnitzeln, in schattigen Mulden wird er gehortet und kann im Oktober, wenn die Wanderer und die Mountainbiker unterwegs sind, auf ein schmales Band aufgebracht werden, so wie jüngst im Skigebiet Kitzbühel. Keine Streif, sondern ein Streifen. Ob sich das „der Gast“ tatsächlich wünscht? Da doch auch die Zahl jener wächst, die ihr Urlaubsglück und Seelenheil im Naturschnee suchen. Die es hinaustreibt von den präparierten Pisten in das Gelände, auf die unerschlossenen Berge. Auch das ist ein Weg – zurück auf die Ski.

Hinauf, hinunter

Lifte und Pisten: Österreichs erste Seilbahn: 1926 auf die Rax, 1927 auf die Schmittenhöhe. Heute: 2900 Lifte in Summe, 23.700 Hektar Pistenfläche.

Wintersport: das wichtigste Standbein für heimischen Wintertourismus. Alpines Skifahren ist der wichtigste Faktor. In dem Segment ist Österreich mit mehr als 50 Prozent Anteil Marktführer in Europa.

Infos: Österreich Werbung, www.austriatourism.com. Fachverband der Seilbahnen Österreichs, www.seilbahn.net. ÖAV, www.alpenverein.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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